Homepage von Stephan Schmitz: \ Hauptseite \ Schreibtisch \ Kreatives Schreiben \ Szenen einer Ehe







Stephan Schmitz


Szenen einer Ehe




Prolog

Das Folgende mag zeitweilig - und von gewissen Standpunkten aus betrachtet auch nicht ganz zu unrecht - etwas skuril erscheinen. Vielleicht ist es deshalb besser, zuvor zumindest die handelnden Personen zu kennen:
Francis. Francis heißt weder Francis, noch ist er in irgendeiner Form der Urheber dieser Zeilen. Er ist nicht mehr und nicht weniger, als ein Mensch, der so sehr in diese Geschichte verwickelt ist, dass es sich lohnt, sie aus seiner Sicht zu erzählen. Francis wurde am sprichwörtlichen Arsch der Welt geboren und wuchs im zugehörigen kleinbürgerlichen Milieu auf. Seine Schulbildung erhielt er in der nahegelegenen provinziellen Kleinstadt, was ihn nicht daran hinderte, einerseits ein glühender Mathematiker zu werden, andererseits auch sonst seinen Mitmenschen durch seine Wesensart ein Dorn im Auge zu sein. Böse Zungen behaupten, er neige derart zur Melancholie und Düsterkeit, dass eine schlichte Selbstzufriedenheit der höchste Zustand freudiger Erregung sei, den er je erreicht habe. Das ist falsch, es sei denn man betrachtet den zeitlichen Durchschnitt seiner Stimmungslagen. Über sein Aussehen lässt sich kaum etwas sagen, weder Gutes noch Schlechtes. Deshalb wird hier auch nichts darüber gesagt. Ansonsten gibt es nicht viel, was man weiter über Francis wissen müsste, ohne es der folgenden Erzählung entnehmen zu können. Vielleicht noch, dass er in seinen eher depressiven Phasen gerne seltsame bis groteske Tagebucheinträge verfasst, fast so, als habe er Visionen - oder merkwürdige Ideen...
Francis heiratet im Laufe der Geschichte seine Schulfreundin Anja,. Er liebt Anja, aber nur, weil ihm keine andere Wahl bleibt. Kurz vor seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, im vierten Jahr seiner Ehe, wird er an einer unheilbaren Krankheit sterben.
Anja. Anja tut, was sie will. Von dem, was sie will kann man allerdings nur zwei Dinge mit Sicherheit feststellen: Erstens, sie hat sehr gerne Sex. Zweitens, sie liebt Francis; und zwar beides seit ihrem fünfzehnten Jebensjahr.
Michael. Michael ist Francis' bester Freund und wird von diesem selbst vorgestellt.
Frank, Melanie, Tanja, Axel, ..., viele weitere Personen, die alle entweder nicht existieren, nur Nebenfiguren, zu dumm oder zu alltäglich oder auf eine andere Art irrelevant sind. Sie sind, kurz, nicht wichtig.
Soweit der Prolog. Nun möge die Erzählung beginnen.




Szenen

Hin und wieder versuchte ich Michael anzurufen. Meistens war er nicht zu Hause.

Ich war soweit ich mich entsinnen kann, das heißt seit mich selbst meine Persönlichkeit interessiert hat, stets von düsterem Gemüt, grüblerisch und stets ein wenig wetterfühlig gegen allzu dunkle Nächte. Nicht, dass mich Dunkelheit schreckte, nein, das Dunkle im Äusseren wie im Inneren betrachte ich stets mit einer gewissen Hassliebe, aber mir graut vor dem Moder, nicht nur jetzt, da mir der Tod in Kürze bevosteht, sondern schon damals, als ich noch scheinbar oder wirklich von robuster Natur war. Aber Krankheit verzehrt oft schnell gerade die Gesündesten, und so hat es sich nun in wenigen Monaten gefügt, dass ich mein Ende erwarte. Doch will ich jetzt nicht vom Tod sprechen, der nichts weiter ist als eine Tatsache, die in meiner nahen Zukunft liegt, sondern von dem Leben, das hinter mir liegt, genauer, von einigen wenigen Begebenheiten, die mir hier und jetzt noch wichtig erscheinen. Zum einen Anjas wegen, die, wie ich höre, durch gewisse Umstände jetzt in argen Verruf gekommen ist, womit ich in ebenso unmittelbaren wie unbekannten Zusammenhang stehe, den ich hier zu lüften gedenke. Einen zweiten Grund zu dieser Niederschrift ist meine Mitteilsamkeit, die mich Schweigsamen seit kurzem bedrängt. Ja, schweigsam war ich immer, wie grüblerisch, und es wird sich bereits ein Klatschweib in der unsäglichen Provinz, die meine Heimat ist, gefunden haben, das behauptet, ich hätte in meiner düsteren Art stets dem Tod näher gestanden als andere. Nun da ich tatsächlich dem Tod nahestehe, und wie ich meine zum ersten mal, bin ich nicht mehr düster, sondern mitteilsam, denn ich bin glücklich. Sie werden verwundert sein, dort in der Provinz. Ich glücklich? Ich, der ich stets so ernst und nachdenklich war, selten lachte, sogar selten lächelte. Man hat es mir oft genug vorgehalten, und ich selbst, wenn ich in meinem Tagebuch blättere muss dem Recht geben. Aber bei all dem müssen sie mir zugestehen: Ich war nicht gefühllos, und somit gestehen sie auch mir die Möglichkeit zu, glücklich sein zu können. Und seien sie unbesorgt, ich werde ihnen erklären, wie es dazu kam, wie aus dem immer ernsten, freudlosen, dem Düsteren ein Glücklicher wurde.
Werfen sie mir übrigens ruhig vor, ich titulierte meine Heimat mit einem undankbaren Namen, indem ich sie als Provinz bezeichnete, doch genau das ist sie. Diese Kleinstadt, umgeben von Kuhdörfern, provinziell und geistlos bis ins Mark. Und es ist verwunderlich, und für mich ein äusserst glücklicher Zufall, dass sie dennoch zwei aussergewöhnliche Menschen hervorgebracht hat, mich selbst einmal ausgenommen, obwohl man ihnen dort sicher gerne bestätigt, dass ich nicht normal bin. Der erste dieser beiden aussergewöhnlichen Menschen ist Michael, ein Freund, der sich diesen Titel verdient hat, mein einziger. Er schreibt übrigens diese Zeilen, da ich selbst zu schwach und zu wenig Herr meiner Hände bin. Nun ich sehe, dass es ihm nicht behagt, gut von sich selbst zu schreiben, und so erlaube ich mir, ihm noch ein wenig dieser Art in die Feder zu geben. Er ist ehrlich und wird es nicht unterschlagen. Nun, zur Zeit ist er mein Auge und Ohr, mein Zuträger von Neuigkeiten aus der Heimat. Sie werden noch verstehen, warum ich, der ich soeben diese Stadt als Provinznest mit gestriger Moral und ewiger Bigotterie brandmarkte, so sehr an den Ereignissen dort interessiert bin. Zunächst nur, dass Michael auch diesen Dienst gerne übernommen hat. Er ist ein Mensch, für den Zeit keine Rolle zu spielen scheint, frei, wie man nur frei sein kann. Er kommt heute, geht morgen und man sieht ihn oft monatelang nicht. Dann taucht er plötzlich wieder auf und will, als sei nichts gewesen, ein ehedem unterbrochenes Gespräch fortsetzen. Nutzlos, ihn jemals suchen zu wollen, er ist nicht da. Nur dann, wenn ich ihn brauche, taucht er plötzlich auf, als habe man ihn gerufen. Damit wäre er, selbst wenn er nicht obendrein noch etwas Verständnis für mich aufbrächte, der ideale Freund für mich. Denn, Egozentriker der ich bin oder war; solange es mir gut ging, das heisst solange ich in Frieden grübeln konnte, liebte ich die Gesellschaft sogenannter Freunde nicht. Selbst auf Partys ging ich nur des Exesses wegen, um zu sehen, wie sich doch im Menschen die tierischen Instinkte durchsetzen können, aber sicher nicht um der Gesellschaft willen. Und zu solchen Zeiten ging Michael stets seiner Wege. Mir ist auch nach wie vor unverständlich, warum er sich überhaupt für mich interessiert hat, doch bin ich sehr froh darüber, dass er jetzt meine Geschichte hört und sie niederschreibt. Ich habe ihm auch meine Tagebücher übergeben, damit er das Ergebnis meiner Grübeleien sehen kann.
Der zweite aussergewöhnliche Mensch, den meine Heimat hervorgebracht hat ist Anja.

Auch ich liebte einmal und liebe noch, nämlich sie. Wir kennen uns seit der Schule, und der Tag, an dem sie in meine Klasse kam, ist mir bis heute unvergesslich geblieben. Ich war ein Außenseiter und saß, weil das mit der Schülerzahl in der Klasse gerade so auskam, allein in der letzten Reihe. Sie war neu und nahm den freien Platz neben mir. Ich wusste damals noch nicht, dass auch sie die Fähigkeit hatte, um sich herum Einsamkeit zu erzeugen, wenn auch ganz anders als ich. In den ersten Tagen sprachen wir nicht miteinander, oder begrüßten uns höchstens, sagten „hallo“ oder wünschten uns einen guten Morgen. Aber sie muss sehr bald bemerkt haben, dass und wie ich ausgegrenzt wurde. Und darauf reagierte sie auf die Art, die ich später immer wieder bei ihr gesehen habe, mit ihrer offenen Zärtlichkeit, die allzu bald auch sehr fatale Folgen zeitigen sollte. Sie sah mich an, dann sagte sie: „Ich bin Anja“, küsste mich auf den Mund und ging. Seit dem Augenblick war sie Teil meines Lebens. In den Jahren, die damals gerade begannen, und in denen so viele schlimme Dinge geschahen, sehr viel auch, was einfach nur schlimm geredet wurde, habe ich sie oft im Arm gehalten und ihre Geschichten gehört. Ein wenig davon, so wie ich es erlebt habe, werde ich noch erzählen. Damit zumindest einige Leute verstehen werden, dass Anja nicht das ist, wofür man sie hält und gehalten hat. Sondern mehr. Und weniger.

Ich rufe Michael an, um ihm von einem Mädchen zu erzählen, dass neu in meiner Klasse ist. Er geht nicht ans Telefon.

Tiere sind sie alle, nichts als Tiere, diese einfältige, geistlose Pack. Diese Herren der Schöpfung saufen, reden laut und reißen dreckige Witze über ihre eigenen Freundinnen, zeigen mit dem Finger auf mich und kriegen sich nicht mehr ein, weil ich mich gerne mit Gedichten beschäftige - ungeschickt von mir, dass sie es herausfinden konnten. Und ihre Weibchen schminken sich grell, lachen noch greller und tun alles, sich noch ordinärer zu gebärden als ihre Macker. Wenn sie gerade nichts Besseres zu tun haben, zeigen sie mit dem Finger auf Anja und nennen sie eine Nutte. Oder sie zeigen auf mich und lachen ihr ordinäres schrilles Lachen, weil ich Anja verehre - wiederum ungeschickt, warum konnten sie es herausfinden? Sie eine Nutte! Seht euch doch an ihr Schlampen, eure Kerls erzählen gerade, wie ihr immer die Beine breit macht! Aber da lacht ihr nur, schwarze Augen, rote Lippen, weißes Gesicht, aber alles nur Farbe, alles falsch. Ja, eure Kerls sind dafür schon zu voll. Ja, damit habt ihr wieder recht, ich werd's vermerken. Jetzt zeigt mal wieder auf Anja, die einzige Ungeschminkte, Anja mit den seltsamen Augen, mit diesem wunderschönen Gesicht. Zeigt ruhig auf sie, nennt sie ein Flittchen. Was seid ihr falschen Biester nicht froh, dass ihr sie habt, müsstet ja sonst eine von euch aussuchen, die ihr zerfleischen könnt. Jetzt kommt eines vonden Dreckschweinen her und grinst mich hämisch an.
„Ey, Dichter, weißt du was? Ich hab' gestern dein Liebchen gehabt. Schließlich nimmt sie jeden und ich wusste, dass ich sie auch haben würde. Und sie war gut. Schade für dich, dass du noch nicht durftest.“
Und sowas erzählt mir die Sau in Gegenwart seiner Freundin, aber die kratzt ihm nicht einmal die Augen dafür aus. Nein, sie lacht noch schriller als er. Die Nutte darf schließlich jeder mal haben. Mein Gott, dass Anja offensichtlich keine Heilige ist, weiß ich auch. Jeder weiß das mittlerweile. Also, warum muss ich auf das hören, was mir der besoffene Arsch ins Gesicht rülpst? Es gibt keinen Grund, sich jetzt betrogen zu fühlen. Wie ein gehörnter Ehemann ...

Ich rufe bei Michael an, um Dampf abzulassen. Er ist nicht zu Hause.

Ein Sommertag, einer von den heißen. Ich hatte mich in den Schatten des Haupttores gesetzt und las - eins mit mir und der Welt - in meinem Mathematikbuch. Aber Anja, böses Gewissen meines Pflichtbewusstseins, störte mich auf. Wie damals zwischen uns üblich versuchte ich, meine Freude an der Welt des Abstrakten gegen ihre Lebensfreude zu verteidigen.
„Gott“, sagte sie, und ich weiß beim besten Willen nicht, ob sie jemals an etwas wie Gott geglaubt hat, „es ist verrückt, dass ich mich so in dich verlieben werde, kleiner Streber mit seinem Schulbuch!“
Was sollte ich sagen? Die Welt des Wissens ist schön, Mathematik ist ästhetisch, Schönheit ist fassbar. So etwas sagt man Anja nicht ins Gesicht, ohne Folgen zu spüren zu bekommen.
„Du bist klug“, sagte sie.
„Ich bin intelligent“, sagte ich, und sie: „Ja, das trifft es besser. Aber glaubst du, du kannst dein Leben berechnen? Warum sitzt du hier? Du solltest im Schwimmbad sein und dich meinetwegen an der Sonne und an Frauen im Badeanzug erfreuen.“
„Und wenn mir dieses hier wichtiger ist?“
„Integrale? Was ist wichtig an Integralen?“
„Sie sind nicht wichtig, sondern nur ein weiterer Schritt zur Erkenntnis.“
„Zu welcher welcher Erkenntnis?“
Da die Frage unbeantwortet blieb, beschloss sie, mir Gesellschaft zu leisten. Sie setzte sich neben mich, legte den Kopf an meine Schulter und las mit in dem Buch. Aber nach einigen Seiten meinte sie: „Ich weiß etwas, dass dir mehr hilft mit deinen Integralen, als dieses Buch.“
Dann zog sie ihr T-Shirt hoch - unter dem sie wie fast immer nichts trug - nahm meine Hände, legte sie auf ihre Brüste und sagte etwas provozierend: „Integrier mir das!“ Und ich, naiv wie ich war, versuchte mich daran, die Form dessen zu begreifen, was mir unter den Händen lag. Runde, kompakte, nahezu kugelförmig ästhetische Formen, doch unter dem forschenden Griff meiner Hände weich und formbar; nachgiebig, wo immer Kraft wirkte und trotzdem fest und bestimmt in der Form. Schwer, aber sanft und glatt, bis auf die beiden Punkte, wo Gefühl und Berührung sich begegnen und die Ästhetik des Reinen und Stetigen singulär wird. Und Anja, die neben mir saß. Als ich zuletzt in ihr Gesicht sah, begriff ich tatsächlich etwas von dem Sinn des Lebens, den sie mir beizubringen versuchte. Ich, in dieser Erkenntnis fragend - verdattert, wie man sich denken kann -: „Was willst du von mir?“ bekam die Antwort:
„Ich liebe dich Francis. Ich will deine Frau werden. Für immer.“
Wie hätte ich dem noch entrinnen sollen?

Ich wähle Michaels Nummer. Niemand nimmt ab.

Es gibt Augenblicke, in denen man anscheinend diese Welt, die einen umgebende Realität verlässt. Momente, in denen man nicht mehr Farben und Formen sieht, Geräusche hört und riecht und fühlt, sondern es verschieben sich alle Aspekte der Wahrnehmung, Details ergreifen unser Aufmerksamkeit und alles weitere ignorieren wir. Manche solcher Augenblicke enden aprupt, die zum Beispiel, die wir in der Umarmung eines Menschen erleben. So höre auch ich jetzt wieder das Brummen des Kühlschrankes, sehe die leeren Gläser und Flaschen, die ganze Unordnung. Anjas Blick ruht auf mir, ich blicke in ihre großen seltsamen Augen. Dann verlangt sie zu wissen warum. Ihrem Blick kann ich nicht entrinnen, und so erzähle ich ich ihr alles, die ganze Geschichte von Anfang an, bis zu dem Augenblick wo die letzten Gäste gingen. Danach, immer noch nackt, liegen wir engumschlungen.
„Ja“, sagt sie, „ich habe mit ihm geschlafen, wie mit den anderen auch. Nicht etwa, weil ich ihn liebte, sondern weil es mir Spaß macht, mit Männern zu schlafen. Nur bei dir war der Grund ein anderer. Aber du warst auch der einzige, der nicht sofort wollte.“
So also war es. Anja ist übrigens meine Frau.

Ich rufe Michael an, um mit ihm über Treue und Vertrauen zu sprechen.

„Was ist Vertrauen?“
„Was soll diese Frage? Aber ich werde sie dir beantworten. Du weißt, was eine Rasierklinge ist. Nicht diese Metallsplitter, die in den Rasierern eingebaut sind, und mit denen man - wenn's hoch kommt - gerade noch einer Maus das Fell abziehen könnte. Sondern die echten, die kleinen Metallplatten mit der ausgestanzten Öffnung und den scharfen Kanten.“
„Ich habe sie selten gesehen.“
„Aber du kennst sie?“
„Ja.“
„Dann weißt du auch: Wenn du jemand damit eine schöne, tiefe Spur über den Körper ziehst, von der kleinen Mulde unter dem Hals bis zum Oberschenkel, dann ist das tödlich. Wenn du einer Frau diese Spur über die Brust legst, dann ...“
„Das reicht jetzt.“
„Nein, ich fange erst an. Höre! Man kann diese Klingen auch sehr liebevoll halten und sehr fein damit schneiden. Mann kann zwei Blatt Papier aufeinander legen und das obere zerschneiden, ohne das untere zu beschädigen. Hast du mal eine Rasierklinge liebevoll benutzt?“
„Liebevoll!“
„Ich habe es mal. Sie lag fest zwischen meinen Fingern, denn ich musste sie präzise verwenden. Doch meine Hand musste sich sehr zärtlich bewegen. Vor mir lag Anja im nassen Badeanzug und durchwässerte meine Matratze. Ich, über sie gebeugt, die Klinge in der Hand, und sie sagte: ´Tu's!´ und schloss die Augen.“
„Du hast?“
„Ich zog ihr die Spur über den Körper. Von der Schulter bis zum Oberschenkel, über die Brust. Sie hat die Luft angehalten, und dann, als ich fertig war, war ihr Badeanzug mit einem langen Schnitt durchgetrennt. Und sie unverletzt, bis auf einen kleinen Schnitt am Bauch, aus dem etwas Blut sickerte. ´Leck das auf!´ sagte sie.“
„Ihr seid wahnsinnig. Was hat das noch mit Vertrauen zu tun?“
„Weißt du, sie hat mich angesehen, bevor sie die Augen schloss. Und dieser Blick ... Ich glaube, ich kann dir doch nicht erklären, was ich unter Vertrauen verstehe.“

Ich gehe in diesen Tagen häufiger durch die leere Wohnung und betrachte das, was wir unser Zuhause nennen. Es ist mehr als offensichtlich, dass diese Räume von genau zwei Menschen bewohnt werden. Zwei sehr unterschiedlichen Menschen. Selbst ein Fremder könnte hier herumgehen und alles zuordnen: Ein Arbeitszimmer, das ein reines Chaos ist, Papierstapel überall, Ordner, Zettel, Bücher wild durcheinander geworfen; irgendwo unter all dem Papier noch ein Schreibtisch, ein Stuhl, eine Kommode. Ein Telefon. Und ganz tief unten ein alter Schokoriegel, der langsam verschimmelt.
„Völlig klar“, sagt der Fremde und zeigt auf den Schreibtisch, „das ist Francis' Arbeitszimmer.“
Gegenüber ein Zimmer, das ordentlicher nicht sein könnte, und sei es auch nur, weil es fast nichts enthält außer einer Couch, einem Sekrtär, einem Stuhl und Anjas Kleiderschrank. Ein Bücherbord, aber nur sehr wenige Bücher darauf. Der Fremde stutzt, doch die Logik zwingt ihn zu der Einsicht, dass dies wohl Anjas Zimmer sein muss.
So wandere ich wie ein Fremder durch unsere Wohnung, identifiziere das Bad als zu Anjas Reich gehörig, die Küche als Francis' - mein - Herrschaftsgebiet und staune über das Schlafzimmer als den Raum, der offenbar als einziger von beiden Personen bewohnt wird. Ich denke über unsere Ehe nach. Das ist also der Ehealltag, denke ich, ich studiere, Anja jobbt. Nach dem Arbeitstag im Institut komme ich nach Hause in eine Wohnung, in der keine Ehefrau auf mich wartet, in der die Kücke kalt ist und in der es keinen Fernseher gibt, dafür aber ein Arbeitszimmer, das mit nutzlosen Notizblättern gefüllt werden will. Anja ist in den letzten Wochen nur sehr selten zu Hause gewesen. Meistens schlief sie noch, wenn ich morgens ging, und war abends, wenn ich zurückkam verschwunden. Spät in der Nacht kam sie nach Hause, roch nach Alkohol und Zigaretten und weinte. Anja weint viel in letzter Zeit, aber sie redet nicht. Sie erzählt mir auch nicht mehr, wenn sie bei anderen Männern war. Kommt nur immer nachts nach Hause und weint sich in den Schlaf. Eines Nachts ist sie dann gar nicht mehr gekommen. Das war vor vier Tagen. Ich habe meine Frau seit vier Tagen nicht mehr gesehen. Da stehe ich, ein verheirateter Mann ohne Frau. Francis ohne Anja. Ich empfinde nichts bei dem Gedanken, bin tatsächlich nur ein Fremder in einer fremden Wohnung, der die Spuren eines kuriosen, sinnlosen Dramas betrachtet, das ihn nicht berührt.
Der Fremde steht jetzt vor Anjas geöffnetem Kleiderschrank. Er hat den weißen Body gefunden, den Anja bei der Hochzeit getragen hat. Den sie in der Hochzeitsnacht getragen hat. Der Fremde betrachtet das weiße Stück Stoff. In seinem Kopf entstehen Bilder von dem Schlafzimmer, das er eben betrachtet hat. Er sieht Anja in dem weißen Body in der Tür stehen. Er sieht Francis auf dem Bett sitzen. Er sieht mich und Anja bei dem, was dann passiert ist. Fühlt meine Hände über den Körper in dem Body gleiten. Fühlt meine Hände den Verschluss des Bodys öffnen. Hört Anja dabei seufzen. Sieht mit meinen Augen kurz den schwarzen Flecken auf dem weißen Stoff, an der Stelle, die zwischen Anjas Beinen war. Wundert sich mit mir nur kurz, was der schwarze Fleck zu bedeuten hat, bevor ich dieselbe nun unbekleidete Stelle mit den Händen aufsuche.
Der Fremde stutzt und sieht sich den Body genauer an. Aha, der schwarze Fleck ist eine Schrift. „Ich liebe dich“, steht da. Der Fremde verwandelt sich in Francis. Francis steht, nein, ich stehe stehe vor Anjas Kleiderschrank und weine. Ich vermisse Anja. Ich will sie wiederhaben. Und ich frage mich, warum mich ihr Vrschwinden bis jetzt kaum berührt hat.

Nach drei Stunden, in denen ich mir klar gemacht habe, dass ich ein Idiot bin, weiß ich, dass ich versuchen werde, Anja zu finden. Mir fällt auf, dass ich sie niemals zuvor habe suchen müssen, sie war immer irgendwie da. Es ist drei Uhr Nachts, aber ich rufe Michael an. Er geht nach dem ersten Läuten ans Telefon.
„Hallo Francis“, sagt er.

Gehe in die Kneipe. Bahne mir einen Weg durch all die Typen, die um sie herumstehen. Jeder einzelne von ihnen ist mir unsympathisch. Jeder einzelne will Anja ficken. Stehe vor ihr. Sage etwas. Gehe wieder, sie folgt mir. Fahren ohne zu reden nach Hause. Rede auf Anja ein. Sage Sachen wie wo warst du, vermisst, Sehnsucht, Liebe, Vertrauen. Sie sagt nichts. Geht in ihr Zimmer. Kommt in dem weißen Body zurück. Lächelt. Lacht ihr Lachen das heißt: Francis lernt jetzt etwas über das richtige Leben. Lerne etwas sehr schönes über das Leben. Lerne es nochmal. Lerne es nochmal. Lerne es noch heute. Was? Dass Anja mich liebt. Und dass ich Anja liebe.
Und dass es einfach gut ist, Mann und Frau zu sein.

Ich rufe bei Michael an. Er ist nicht zu Hause.





wird fortgesetzt ...


Homepage von Stephan Schmitz: \ Hauptseite \ Schreibtisch \ Kreatives Schreiben \ Szenen einer Ehe