Engel sind Menschen, die von Gott einen besonderen, einen großen Auftrag erhalten haben. Und sie werden angetrieben von einem unüberwindbaren inneren Zwang, diese Aufgabe zu erfüllen. Wir können nicht verstehen, was dabei in ihnen vorgeht.
Sir Alec Caley, in dessen privaten Aufzeichnungen sich die Recherchen zu der folgenden Geschichte fanden
Es ist ein großes, altes, backsteinernes Haus, das College, das im Sonnenschein braunrot leuchtet. Ehrwürdig wirkt es hinter den Bäumen, umgeben von Wiesen, auf denen die Bauern ihre braunroten Pferde weiden lassen. Die Allee führt durch die Wiesen zum Tor in der Umfriedung des Gebäudes, eine Allee aus hohen alten und dennoch blühenden Bäumen, die die Straße wie ein grünes Dach überdecken und durch die Schatten ihrer Blätter den Boden in ein Meer aus tanzenden Lichtquanten verwandeln. Wo die Allee sich teilt und nach der einen wie nach der anderen Seite in den Ort hineinführt, steht dichtes Buschwerk. Hier kauert er und beobachtet das Tor in der Umfriedung. Alec Caley und Simon Rice erscheine dort und kommen, weit ausgreifend, die Alle herunter. Alec, denkt er bei sich, ist immer sehr schwungvoll. Und nicht immer sehr freundlich. Erst am Morgen hat er, heftig den Gang entlanggehend, Jana angerempelt, praktisch zur Seite gestoßen und sie - statt sich zu entschuldigen - angefahren, nicht so unverschämt im Wege zu stehen. Hier wollen noch Leute durch, du ungeschicktes etwas. Das waren seine Worte gewesen.
Gleich hinter dem College beginnt der Wald, dunkelgrün und ebenso ehrwürdig wie das Haus. In dem Wald fließt ein Flüßchen, das dem Ort Wasser bringt. Vor dem Wald leuchtet nun Geenas weißes Kleid, weniger auffällig daneben - wie immer in züchtigem Abstand - Toms Jackett. In seinem Versteck bemerkt er nur kurz, wie Alec und Simon sich nach einigen Worten an der Gabelung, praktisch neben ihm, trennen, dann konzentriert er sich ganz auf Geena und Tom. Sie haben ihre Schritte kurz verlangsamt, um einen Toms Antipathie genügenden Abstand zu Alec zu halten, der dessen unbekümmert den Weg hinabschreitet und die Baumschatten anrempelt.
Er bekommt ein ungutes Gefühl, wie immer, wenn er Tom und Geena sieht. Ein guter Beobachter, der die beiden eine Weile verfolgte, käme schnell zu der Schlußfolgerung, daß sie sich zueinander hingezogen fühlen. Er ist nicht nur ein guter, sondern ein hervorragender Beobachter und bemerkt es schon seit langem. Geena hat Augen für Tom und der hat Augen für sie. Jeder, so meint er, kann sehen, daß sie verliebt sind. Jeder - außer den beiden selbst. In züchtigem Abstand voneinander erreichen sie jetzt die Kreuzung, bleiben stehen und unterhalten sich. Sein ungutes Gefühl wird stärker. Man kann ihre Liebe riechen, sagt er sich, nur sind die beiden Dummköpfe anscheinen verschnupft. Und so furchtbar schüchtern. Er kämpft gegen den Drang an, hinüberzulaufen, Tom zu schütteln, ihm zu sagen: Nimm ihre Hand! Küsse sie! Tu irgendwas! Aber steh nicht so herum und träume nur davon! Kaum daß er sich noch zurückhalten kann, weiß er, daß er es nicht tun darf. Nur das ungute Gefühl niederkämpfen, ruhig atmen und hören, was sie sagen!
Was ist mit Alec? fragt Geena.
Er erzählt irgendwelche Märchen über mich.
Natürlich, denkt er, erzähl ihr doch die Märchen. Sag ihr, daß Alec angeblich behauptet, Du und Geena wärt zusammen. Frag ihn doch mal, Geena! Und Geena fragt: Was für Märchen? lächelt, als wüßte sie es schon.
Jana sagte mir, daß er gestern verbreitet hat..., doch sie unterbricht,
Jana sagt viel. Jana lügt auch viel.
Wer sagt das?
Margret.
Margret kann Jana nicht leiden.
Richtig, geht es ihm durch den Kopf. Margret und Jana sollen früher beste Freundinnen gewesen sein. Heute behauptet Margret, Jana sei ein hinterlistiges falsches Biest. Desgleichen Dorothee. Alec und Jana sollen ein Paar gewesen sein. Heute rempelt Alec sie zur Seite und bezeichnet sie als 'ungeschicktes Etwas'. Er erinnert sich noch an den wütenden Blick, mit dem sie ihm hinterhergestarrt hat. Und sie hat sich gerächt. Gleich als kurz darauf Tom auftauchte, hat sie ihre Rache in die Wege geleitet.
Geena und Tom haben sich getrennt. Sie folgt Simon in Richtung Ostteil des Ortes - jener Teil, wo der Fluß bis fast an die Häuser herankommt, so daß bei Überschwemmungen die Keller der Häuser geflutet werden -, Tom nimmt den anderen weg, Alec nach, der aber mit kühnen Schritten schon lange außer Sicht ist.
Das ungute Gefühl legt sich allmählich etwas, aber ihm steht der Schweiß noch auf der Stirn. Andere Leute, seine Kommilitonen, kommen jetzt vorbei. Mehrmals noch fast ihn wieder das innere Würgen, welches anzeigt, daß Verliebte vorbeigehen, deren Liebe noch unerfüllt oder unerkannt ist. Scott O'Neill und Sally Ridges in angeregter Unterhaltung über Kegelschnitte, Ginger 'Sir' Hamilton und Gordon, in peinlichem Schweigen und doch fast gemeinsam. Er fühlt, daß sie sich nur zu berühren bräuchten, um Liebe erblühen zu lassen. Doch nichts passiert, außer daß er mit großer Selbstbeherrschung wieder knapp den Versuch verhindert, hinüberzulaufen. Seltsam, daß er sich vor all diesen Leuten versteckt, mit denen er täglich studiert und umgeht, vor seinen Freunden. Doch wenn er lauscht, ist er jemand anderes als der Student. Und lauschen muß er, ohne selbst zu wissen warum. Die Jahre - in denen auch das innere Drängen immer schlimmer wurde - haben ihn zu einem guten Lauscher gemacht und zu einem aufmerksamen Beobachter. Gesten, Minen, Untertöne, all die Unsicherheiten der menschlichen Kommunikation sind ihm nichts weiter als offene Bücher, in Fettdruck. Für das, was noch darunter liegt, die Untertöne der Untertöne, hat er ein Gefühl entwickelt. Doch daneben hat sich auch in ihm ein Gefühl entwickelt, genau dieses: daß es unerträglich ist, unerfüllte Liebe zu sehen. Während er sich langsam wieder unter Kontrolle bringt, geht auf der Allee der Hauptteil der Studenten vorbei. Als letzte aus dem Loch in der backsteinrot leuchtenden Umfriedung auf die Allee, in die Wiesen, tritt sie, auf die er wartet, Jana.
Hinterlistig, wohlgeformt, so durchtrieben wie gutaussehend, falsch, intrigant, untreu aber verführerisch, das sind die Attribute, die ihr von den meisten der Studenten zugeschrieben werden, was Wunder also, daß ihr Abstand von den anderen entsprechend groß ist. Er, selbst erst ein halbes Jahr hier, kennt sie nur als stilles und eher einsames Mädchen, lediglich die Begebenheit am Morgen, ihre Rache an Alec hat sie ihm von einer etwas anderen Seite gezeigt. Wenn nur die Hälfte von dem, was ihr nachgesagt wird stimmt, denkt er, so kann sie ihm helfen. Muß es! Sie hat Tom angesprochen, freundlich, Hallo Tom, hat sie gesagt, ich höre Du bist mit Geena zusammen? Tom, sofort rot bis unter die Haarwurzeln:Wer sagt das? und sie: Alec. Ihr wart beide -glaube ich- gestern nicht beim Fest von Stowes, na ja, es gab Bier und Alec sagte, ihr hätte wohl etwas besseres vor. Stimmt es nicht? Nein, es stimmt nicht. hat Tom schon halb im Weitergehen und bemüht, unbeteiligt zu wirken, gesagt. Aber er hat sofort Alec, der natürlich von nichts wußte und alles bestritt, zur Rede gestellt. Und dann ... dann hat Jana Tom diesen BLICK zugeworfen (hör' nicht auf ihn, er hat es gesagt!) und es gab Streit. Tom hat sich mit Alec geprügelt, und Alec hat seinen Rempler bei Jana dabei teuer bezahlt. Die beiden sind schließlich von einigen Kommilitonen getrennt worden. Gottseidank, denkt er sich, hat Geena von der Geschichte nichts mitbekommen. Ihm war ohnehin schon fast schlecht geworden. 'Ich höre ihr seid zusammen?' Was hätte sie damit alles kaputtmachen können! Doch wichtiger ist jetzt das: Sie hat Tom regelrecht benutzt, zwei Sätze, ein Blick und er tat was sie wollte. Jana könnte ihn auch dazu bringen, Geena zu küssen, er täte es. Deswegen hockt er hinter den Büschen und wartet auf sie.
Jana hat die Gabelung erreicht und folgt dem Weg, den vor ihr Alec und Tom genommen haben. Sie sieht sich nicht um, daher wird sie nicht wissen können, woher er gekommen ist. Die Schatten und Lichtreflexe tanzen auf ihrem Rücken. Sie trägt einen kurzen Rock, eine Bluse, einfache Korksandalen an den Füßen. Sie wirkt nicht wie eine Katze, denkt er, sein Versteck verlassend, um ihr zu folgen. Sie bemerkt ihn rasch, er will den Mund gerade öffnen und sie ansprechen, da dreht sie sich um. Jana! Sie mustert ihn kurz. Sie hat mittellanges blondes Haar, das mit einem Band nach hinten gesteckt ist. Ja? Eine völlig normale Stimme. Du hast Mist gemacht. Warum hat er das jetzt gesagt? Kein Zweifel, er muß noch wütend sein, weil sie mit Tom und Geena Scherze getrieben hat - auf seine Kosten, obwohl sie das nicht wissen kann. Ein verwunderter Windhauch bringt die Schatten auf ihrem Gesicht zum tanzen.
Was?
Ich meine das mit Tom und Alec, heute morgen.
Was ist mit denen? Sie haben sich geprügelt, damit habe ich nichts zu tun.
Er tritt noch einen Schritt auf sie zu. Auf ihrem Haar spielt ein Sonnenstrahl. Das Haarband ist blau.
Doch. Oh, doch! Du hast Tom angestachelt. DU hast ihm gesagt, daß...
Nein, ich ...
Hast du! Lüg' mich nicht an, ich habe es gesehen.
Es schleicht sich ein wenig Geringschätzung in ihr Gesicht, ihre Stimme ... und du liebst Alec so sehr, daß du ihn jetzt rächen mußt ... ist beißend. Er ignoriert die Aggression. Nicht provozieren lassen! Immerhin will er etwas von ihr.
Alec ist mir egal. Aber wenn Geena diese Szene mitbekommen hätte ... . Sie hätte am Ende nichts mehr von Tom wissen wollen. Wenn man sich überall erzählt, sie vertrieben sich die Zeit mit was weiß ich, was so geredet wird.
Und was geht dich das an? Jana ist offensichtlich leicht irritiert. Was ist so schlimm daran, wenn etwas über die beiden geredet wird? Was ist so schlimm, wenn etwas über Geena geredet wird? Oder willst du was von ihr und hast Angst um den Ruf deiner Geliebten? Dann solltest du lieber ihr auflauern statt mir. Spotten kann sie, ohne Zweifel. Aber seltsam: Obwohl sie jetzt aggressiv ist und sicherlich innerlich wütend, daß er ihr offenbar Vorwürfe macht, läßt sie ihn nicht, was naheliegend ist und wozu sie sicher auch große Lust hat, einfach stehen. Entweder ist sie doch neugierig geworden oder ... . Nun, es wird einen Grund geben, daß sie noch bleibt, aber er fühlt, daß er jetzt mit der Sprache heraus muß. Er blickt kurz zur Seite. Die Wiesen leuchten grün.
Das einzige, was ich von Geena will, ist, daß sie endlich mit Tom zusammenkommt.
Aber Geena will doch überhaupt nichts von Tom.
Sie liebt ihn.
Plötzlich lacht sie los. Nein, du Dummkopf. Tom liebt Geena, aber sie ihn nicht, und da macht sie kein Geheimnis draus.
Jana! Sie ist verliebt in ihn.
Quatsch. Aber wenn du meinst, dann sag ihnen doch, sie sollen sich zusammentun.
Der entscheidende Augenblick. Eben noch verwundert darüber, daß sie noch da ist- sie hat wenig Freunde, vielleicht redet sie einfach gerne - registriert er, daß sie nun fast interessiert zu sein scheint. Jedenfalls hat sie ihren aggressiven Tonfall vergessen. Ihr Rock, blau wie das Haarband, schlägt in einem Windhauch um ihr Knie.
Nein. Ich würde nur alles kaputtmachen, so wie du heute morgen fast. Ich möchte, daß du es ihnen sagst.
Ich? Sie starrt ihn an, bricht dann in schallendes Lachen aus, lacht und windet sich, daß die Blätterschatten nur so über ihr Gesicht fliegen. Sie stockt erst, als sie bemerkt, daß er unbewegt ernst geblieben ist.
Das war doch wohl ein Witz, oder?
Nein. Du hast heute schon an Tom bewiesen, daß du das Zeug dazu hast, sie ein bißchen anzustacheln.
Plötzlich wirkt sie enttäuscht, fast traurig. Ich verstehe. Auf deiner Suche nach einem Berufsintriganten hat man dir gesagt, frag doch mal die Jana, die kann das nämlich richtig. Die ist nämlich so eine, weißt du, die dauernd ihre Finger im Spiel hat, wenn mal was passiert. Allmählich wird sie auch wütend. Ich weiß auch, was über mich geredet wird, daß man mir das nachsagt. Aber diese Zeiten sind vorbei.
Aber du hast doch Tom ...
Ja, ich habe Tom aufgehetzt. Dieses eine mal. Aber du kennst mich jetzt auch schon ein halbes Jahr, und habe ich mich jemals benommen wie ein Biest? Habe ich das?
Nein, aber...
Ich rede gar nicht mehr viel. Und ich mische mich nicht ein. Nur die Leute reden. Über mich. Margret, ja und Dorothee, ich weiß schon, daß sie überall herumerzählen, ich sei ein Miststück. Aber selbst wenn sie recht hätten, ich bin nicht da, um irgendjemandem irgendwas einzuflüstern, nur wegen deiner komischen Ideen. Abgesehen davon: Du kannst es ohnehin vergessen. Sie liebt ihn nicht. Sie will gehen.
Sie liebt ihn.
Kurz zögert sie noch. Warum bist du dir so sicher?
Ich weiß es einfach. Ich kann es fühlen.
Ja, natürlich. Kurze Pause. Vielleicht versuche ich es. Unter der Bedingung, daß du die Geschichte mit Tom und Alec heute morgen für dich behältst. Damit dreht sie sich um und geht, mit wütenden Schritten, die Schatten tanzen nur so um sie her. Als sie in dem grünen Tunnel aus Bäumen verschwunden ist, folgt er ihr beschwingt. Ihm ist nicht entgangen, daß ihre Bedingung ein wenig bittend geklungen hat. Sie wird es tun. Er grinst.
Durchquert man vom College kommend den Ort, so erreicht man hinter den letzten Häusern einen kleinen Buschstreifen, kaum mehr als eine zu groß geratene Feldhecke und doch sehr wichtig bei stürmischen Wetter, denn dahinter liegt offenes Gelände. Nach Osten hin zieht sich der Waldrand. Hinter den Büschen fallen die Felder in eine weite Senke, das Flußtal ab. Mais und andere Getreidesorten, leuchten im Licht der tiefstehenden Sonne dunkelgrün und goldgelb. Manchmal ziehen dunkle Schatten über den frühabendlichen Glanz, wenn sich kurz eine Wolke zwischen Sonne und Erde schiebt. Es ist warm. Von einem etwas erhöhten Standpunkt aus, zum Beispiel dem Buschstreifen, bieten die wechselnd angestrahlten und verdunkelten Felder, von Wirtschafts- und Feldwegen in seltsame geometrische Formen unterteilt, einen grandiosen Anblick. Das findet auch Jana. Es ist schön hier. Er nickt nur, denn er hat andere Gedanken, er ist nervös und sein ungutes Gefühl bedrückt ihn. Vier Tage ist es her, daß er Jana angesprochen hat. Den ersten Tag darauf hat sie ihn kurzerhand ignoriert, links liegen gelassen und nicht mit ihm geredet. Doch hat er erkannt, denn er kann Menschen gut einschätzen, das ist eine Nebenerscheinung seiner extremen Beobachtungsgabe, daß ihr Schweigen keine Ablehnung war, sondern nur der Versuch, ihn zu entmutigen. Es ist ihr nicht geglückt, er hat sie kurz daran erinnert, und am nächsten Tag hat sie nach der Vorlesung auf ihn gewartet. Jetzt kauern sie am Rande des Buschwerks, beobachten das Feldermeer, bereit, sich sofort in den Büschen zu verstecken, wenn Tom und Geena, die dort irgendwo unterwegs sind, auftauchen sollten. Darauf warten sie. Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne, der goldene Glanz wird dunkel. Er ist unruhig. Ihm fällt auf, daß er schon wieder in Büschen hockt, um Leute zu beobachten, doch er muß wissen, ob alles geklappt hat. Bloß nicht Tom und Geena persönlich begegnen, gerade zum ersten mal Hand in Hand, bloß nicht sie verschrecken, sie aufstören. Sie sollen sich ihre Zeit nehmen. Wenn alles geklappt hat, und das muß er wissen. Sicher ,er könnte warten, bis er sie in der Universität sieht. Doch werden sie sich zueinander bekennen, wird auch zu erkennen sein, was ist? Er braucht Gewißheit, um endlich, endlich einmal wieder frei atmen zu können, ohne die innere Beklemmung. Einmal etwas Ruhe haben. Er weiß, die Ruhe wird nicht von langer Dauer sein, dazu kennt er sein Gefühl schon zu lange und zu gut. Doch, wenn es ihnen gelungen ist, Geena und Tom zusammen zu bringen, wird er eine Weile Frieden haben. Jana sieht ihn an. Bist du nervös?
Du nicht?
Nein. Ich denke, es hat funktioniert. Und außerdem, was gehen mich letztendlich Geena und Tom an? Was gehen dich die beiden an? Ich meine, es ist ja lieb, daß sie dir so am Herzen liegen. Aber warum betreibst du diesen Aufwand.
Frag mich lieber nicht. Ich habe Gründe, die ich lieber selbst gar nicht kennen würde.
Jaja, spiel nur den Abgründigen. Ich frage dich trotzdem: Was geht es dich an?
Es ist 'lieb', hat sie eben gesagt. Seltsamerweise spricht sie das ganz ohne Ironie aus. Auch das war vor zwei Tagen noch anders: Tut mir leid, aber es ist unmöglich. Geena wird nichts zugeben. Selbst wenn sie ihn liebt, was sie nicht tut, kann man sie so nicht dazu bringen, etwas zu tun. Besser du träumst was anderes, zum Beispiel, wie du deine Übungsaufgaben erledigst. Es war nur ihr letzter Versuch, ihn davon abzubringen. Zwar war sie selbst nicht davon überzeugt, daß es klappen könnte, doch danach hatte sie bald eingewilligt, es zu versuchen. Er hatte längst einen Plan, was sie tun sollte.
Von links beginnen die Felder wieder zu leuchten, ein kurzer Windstoß verwandelt sie in ein wogendes Meer und läßt Janas Haar hinter dem blauen Band flattern. He! sagt sie Ich versuche mit dir zu reden. Warum willst du Geena und Tom zusammenbringen?
Warum? Warum halten alle Leute dich für falsch? Er hat schnell herausbekommen, daß sie dieses Thema nicht mag, und tatsächlich bringt sie die Gegenfrage zum Schweigen. Doch dann wiederum hat sie eigentlich ein Recht, es zu erfahren. Ich tue es auch meinetwegen. Es klingt wahrscheinlich verrückt, aber immer, wenn ich Verliebte sehen, die nicht zusammenkommen, bekomme ich ein ungutes Gefühl. Ein verdammt reales und unangenehmes Gefühl, so eine Art inneres Würgen. Und dann muß ich das irgendwie in Ordnung bringen, weil ich sonst irgendwann verrückt werde.
Du hast recht, es klingt verrückt. An ihrem Tonfall ist zu hören, daß sie ihm nicht glaubt. Warum kannst du das nicht alleine regeln?
Leise murmelt er: Ich habe es einige Male versucht. Aber es schadet mehr als es nützt. Ich weiß zwar, was ich tun muß, kann es aber nicht umsetzen. Ich habe dich gefragt, weil du das nötige Geschick im Umgang mit Leuten hast.
Ach, gefragt hast du. Sie steht auf. Ich glaube, da sind sie.
Er springt auf. Und richtig, in dem wieder leuchtenden goldenen Meer sind - noch in großer Entfernung - zwei Köpfe aufgetaucht, die sich dem Buschstreifen nähern. Sein ungutes Gefühl wird stärker.
Sie kommen nach rechts.
Tom wird Geena nach Hause bringen. Das ist ihre Richtung.
Laß uns noch etwas näher gehen. Jana geht vor, am Rand der Büsche entlang durch das Gras. Sie trägt heute Blue Jeans und ein weißes T-Shirt. Ein erneuter Windstoß jagt Wellen durch die Felder und durch ihr Haar. Ganz weit am Horizont zeigen sich einige d
unkle Wolken. Kurz vor einem Weg bleibt Jana stehen.
Ich denke das reicht. Wenn er sie wirklich nach Hause bringt, kommen sie auf diesem Weg.
Dann schauen wir mal, wo wir hier unbemerkt bleiben können. Sie schlagen sich in die Büsche. Jana schnuppert etwas in der Luft. Es wird noch regnen.
Woher willst du das wissen.
Ach, ich habe da so ein ungutes Gefühl.
Tom. Natürlich Tom. Das war das einzig logische (und auch Jana hat das mit Sicherheit sofort erkannt). War an Geena nicht heranzukommen, dann mußte es eben Tom sein. Nur hatte Geena tatsächlich des öfteren gesagt, daß sie von Tom nichts wolle. Wie also diesen stillen Verehrer dazu bringen, sie dennoch anzusprechen? Nun, man mußte ihm nur ein wenig Angst machen, ihm das Gefühl vermitteln, sie sei endgültig weg, wenn er nicht endlich etwas unternimmt. Denn auch das kennt man von Tom, daß er sich nichts einfach so wegnehmen läßt. Dementsprechend waren seine Instruktionen für Jana gewesen: Eine kleine nebensächliche Andeutung, daß Geena irgendwen süß findet. Aber zerstöre seine Hoffnungen nicht ganz. Er muß nur ein bißchen in Panik verfallen. Dann wird er auch handeln.
Du stellst ganz schöne Ansprüche. Hast du keine Angst, daß ich dir alles versaue und die beiden endgültig trenne?
Noch so eine Geschichte wie vorgestern mit Alec? Die kleine Andeutung hatte genügt.
Also gut. Aber du läßt mich währenddessen in Frieden. Und beobachte mich nicht die ganze Zeit!
Heute morgen schließlich hat Jana mit Tom geredet. Und jetzt sitzen sie nebeneinander in den Büschen und warten, gespannt ob der Plan funktioniert hat. Wenn der Wind das Korn etwas niederdrückt kann man Geena und Tom näherkommen sehen.
Jana. Sie riecht ganz leicht nach Parfum.
Ja? Beide sprechen leise.
Warum hast du es überhaupt getan?
Was?
Na, Tom drauf angesprochen.
Sie schweigt.
Jana.
Schon gut, ganz einfach: Ich will nicht, daß sich die Geschichte mit Alec herumspricht. Ich bin hier ja nicht gerade beliebt, und wenn mein Ruf jetzt noch schlechter wird, kann ich das Studium hier vergessen. Dann muß ich hier weg. Und wenn du es genau wissen willst: Meine Eltern arbeiten wie verrückt, um mir dieses College bezahlen zu können. Und ich will hier verdammt noch mal nicht scheitern, nur weil ich so unbeliebt bin und du im richtigen Augenblick auch noch anfängst, solche Geschichten zu erzählen.
Und warum bist du so unbeliebt?
Schweigen. Jetzt hat er plötzlich ein schlechtes Gewissen. Es ... tut mir leid. Ich wollte dich nicht erpressen.
Das hast du aber. Obwohl es lieb ist, wie du dich darum sorgst.
Der Himmel hat einige Wolken gesammelt. Das Feldermeer ist mit Licht- und Schattenflächen getupft. Die Windböen kommen jetzt häufiger. Auf dem Weg gehen Geena und Tom vorbei. Sie gehen Hand in Hand. Geena lächelt selig. Sie haucht Tom ein Küßchen auf die Wange. Dann sind sie auch schon vorbei. Mit ihnen ist sein ungutes Gefühl verschwunden. Plötzlich atmet er etwas freier, innerlich in Hochstimmung. Und er stellt fest, daß Jana recht hatte: Es wird regnen. Die Wolken am Horizont sind größer geworden und werden vom Wind rasch nähergetrieben. Jana macht einen Schmatzer. Du hattest recht, sie scheint ihn tatsächlich zu lieben. Komisch. Er sagt nichts.
Sie hat das gut versteckt. Morgen werden sich bestimmt einige Leute wundern, wenn sie es erfahren.
Ich weiß nicht. Ich hatte nie den Eindruck, daß sie es versteckt.
Jana sieht ihn etwas seltsam an. Ach ja, dein ungutes Gefühl. Ist es jetzt wenigstens besser?
Ja, es ist weg.
Na, dann hast du ja erreicht was du wolltest.
Ich wollte dich wirklich nicht ...
Schon gut, schon gut. Verschone mich mit Entschuldigungen! Sei lieber ein Gentleman und bring mich nach Hause. Überrascht sieht er sie an. Das hat er nicht erwartet. Ihr Gesicht verrät nicht, was sie denkt. Einen kleinen Gegengefallen bist du mir jetzt schuldig, sagt sie, wenn Geena heute deinetwegen Begleitung hat, will ich das auch.
Also bringt er sie nach Hause. Sie wohnt im Nordwestteil des Ortes, eigentlich ganz in der Nähe, hat dort ein Zimmer bei einem Ehepaar, das eher selten da ist. Für ihn ist es aber doch ein Umweg. Am Aufgang zur Tür verabschieden sie sich.
Also bis morgen.
Morgen ist Wochenende. Oder wolltest du unbedingt zum College?
Stimmt. Hatte ich ganz vergessen.
Als er die Straße fast erreicht hat, ruft sie ihn. Er geht zurück zu ihr. Was ist denn?
Willst du nicht morgen vorbeikommen? Ich muß noch mal drüber reden, was wir da angestellt haben. Ich meine, ..., ich muß erst mal drüber schlafen.
Bist du jetzt nervös?
Ja. Komisch, nicht wahr, jetzt wo alles vorbei ist. Aber der Gedanke, daß wir uns da einfach so eingemischt haben. Ich weiß nicht, ob das richtig war. Ach egal, dich scheint das ja nicht zu kümmern!
Es kümmert ihn in der Tat nicht besonders. Sein Hochgefühl nach Wochen der ständigen Anspannung - stets verfolgt von dem inneren Drängen, etwas zu unternehmen - ist ihm Garantie genug, daß sie das Richtige getan haben. Jana scheint allerdings wirklich nerv
ös zu sein.
OK, sagt er, dann komme ich morgen vorbei.
Er geht, hält aber noch kurz an. Jana?
Ja?
Ich finde dich nicht durchtrieben.
Ach nein. Wieso hatte ich denn dann die zweifelhafte Ehre dir zu helfen?
Man merkt das sie immer noch wütend auf ihn ist. Und trotzdem lächelt sie. Ja sie lächelt, aber nicht unschuldig, oder nett, sondern sanft und auf seltsame Weise gemein. Kein freundliches Lächeln, eher ein hartes aber seltsam zufriedenes. Als er jetzt endgültig geht, hat er das Gefühl allein zu sein. Als er die nächste Straßenecke erreicht, fängt es an zu regnen, und nach kurzer Zeit ist er naß bis auf die Haut.
Nun, offensichtlich ist heute nicht nur Tom auf Jana hereingefallen. Die kleine Rache hat sie sich verdient.
Tee?
Ja, bitte.
Jana öffnet eine Schublade, in der hunderte Teebeutel liegen. Du kannst dir etwas aussuchen. Schwarzen Tee mit Kirsch-, Heidelbeer-, oder Erdbeergeschmack, Kamillentee, Hagebuttentee oder diverse Früchtetees. Was du willst.
Ich nehme, was du nimmst.
Also schwarzen Tee. Ich brauche etwas gegen meine Kopfschmerzen.
Nun, schaden kann das nicht. Nach der gründlichen Regendusche gestern hat er sich einen ordentlichen Schnupfen geholt, was Jana mit Genugtuung festgestellt hat. Seitdem scheint sie ihm aber nicht mehr böse zu sein. In gewisser Weise ist sie wieder so, wie er sie bisher gekannt hat. In gewisser Weise, das heißt: im allgemeinen ist sie ruhig und eher zurückhaltend. Heute hat sie erstaunlich gute Laune, ist fast aufgedreht und bewegt sich - für ihre Kopfschmerzen - erstaunlich agil. Jedenfalls ist sie nicht mehr wütend. Und sie versucht auch nicht mehr, gemein zu sein. Sie ist eben wieder Jana. Jana wie er sie kennt, nur gut gelaunt. Er stellt fest, daß sie dann ziemlich attraktiv ist. Objektiv gesehen, denn intuitiv weiß er nur, daß sie ihm helfen kann. Sein ungutes Gefühl wird wiederkommen. Die Vergangenheit (damals verschwand es noch nach längerer Zeit von alleine) hat ihn das gelehrt. Und da er nicht anders kann, als sich immer und immer wieder damit zu beschäftigen - ihm bleibt ja keine Wahl, wenn die Beklemmung ihn packt - weiß er natürlich, wann ein Mädchen attraktiv ist. Er weiß es. Objektiv. Fühlen? Warum sollte er etwas erfühlen, was er sehen kann? Jana kichert. Es ist lange her, daß ich hier Herrenbesuch hatte. Er überlegt, wie sie wohl reagieren wird, wenn er sie fragt, ob sie vielleicht Sally und Scott ... . Er beschließt, daß das noch etwas Zeit hat.
Ihr Zimmer ist ein einziges Chaos. Auf jedem Platz, jedem Quadratzentimeter Stellfläche steht oder liegt etwas. Der Schreibtisch liegt unter Tonnen von Papier. Bücher sind überall verteilt, aber auch Glasperlen, ein Kartenspiel, einige Vasen mit Blumen, ihre Musiksammlung. Der einzige freie Platz ist das Bett, auf dem er sitzt. Auf einer Kommode steht der Wasserkocher und arbeitet an ihrem Tee. In all der Unordnung bewegt sich Jana sehr zielstrebig. Nach einiger Zeit bemerkt man, daß das vorherrschende Tohuwabohu tatsächlich eine Form von Ordnung ist, denn Jana braucht nie etwas zu suchen. Alles liegt an seinem Platz - wo auch immer der sein mag. Sie setzt sich neben ihm auf das Bett. Ihm fällt wieder ein, was sie zuletzt gesagt hat.
Wie lange?
Fast ein Jahr. Kurz nachdem Alec das letzte mal hier war.
Also wart ihr tatsächlich zusammen.
Ja. Aber laß mich mit dem Kerl lieber zufrieden. Du siehst ja, jedesmal, wenn ich wieder mit ihm aneinandern gerate stecke ich in Schwierigkeiten.
Diesmal war das aber meine Schuld.
Das ja. Aber er hätte mich trotzdem nicht über den Haufen zu rennen brauchen. Und was damals hier los war! Ich darf gar nicht daran denken. Gottseidank waren die Pratchets gerade mal wieder verreist. Ich glaube, sie hätten mich glatt rausgeworfen.
Die Pratchets? Sind das deine Vermieter?
Ja. Reiche Leute übrigens. Das hier ist für sie nur so eine Art Sommerhaus. Sie sind glaube ich froh, daß ich und Betty hier sind und etwas auf den Laden aufpassen. Betty kennt er vom sehen, sie bewohnt ein Zimmer in einem anderen Winkel des Hauses. Jana grinst. Die Pratchets halten mich für ein liebes und ruhiges Mädchen.
Bist du das denn nicht?
Bin ich dir gestern so vorgekommen?
Gestern warst du irgendwie nicht Jana. Zumindest kamst du mir nicht so vor.
Ich war nicht die Jana, die du kennst. Gestern war ich auch Jana. Die Jana, von der Margret und Dorothee noch immer erzählen. Weißt du, vor einem Jahr ging hier alles drunter und drüber, mit Alec, mit Margret und Dorothee und noch einigen anderen. Und sie haben recht, oder hatten es zumindest. Ich war ein Biest, vielleicht sogar ein Dreckstück. Besonders in der Zeit, wo mit Alec alles in die Brüche ging. Es sind verdammt unangenehme Dinge passiert. Schlimme Sachen, über die ich nicht einmal nachdenken will, geschweige denn darüber reden. Nur, als alles vorbei war, war ich plötzlich allein. Es war fast schon so weit, daß ich hier meine Sachen gepackt hätte und nach Hause gefahren wäre, aus Verzweiflung, weil ich keine Freunde mehr hatte und von allen geschnitten wurde. Ich bin bloß wegen meiner Eltern geblieben. Ich glaube, sie sind die einzigen Menschen, die noch von mir enttäuscht wären, wenn sie das erführen. Und so bin ich zu der Jana geworden, die du kennst. Vielleicht bin ich tatsächlich jetzt ein ruhiges und liebes Mädchen. Ich will nur nie wieder für alle Leute der Bösewicht sein. Sie atmet tief durch. Trotz ihrer Nachdenklichkeit ist sie offenbar nicht schlechter gelaunt. Naja, ein bißchen davon ist gestern wohl wieder hochgekommen, als ich Geena und Tom gesehen habe. Ich war auch mal verliebt. Und dann weiß ich immer noch nicht so recht, ob das richtig war, was wir getan haben. Ich habe deswegen superschlecht geschlafen. Meine Haare sind immer noch ganz durcheinander.
Davon ist nichts zu sehen. Ihre Haare, von einer Spange in Schmetterlingsform gehalten liegen glatt wie immer. Sie trägt ein blaues Kleid, das sie, wenn sie sonst nichts in der Hand hat, um sich herum auf dem Bett drapiert. Er blickt zum Fenster. Es regnet. Der Wasserkocher beginnt zu brausen.
Wieso sollte es falsch gewesen sein?
Ich fand es ziemlich dreist von uns, sich da einzumischen und die Sache nach unseren Vorstellungen zu regeln. Nach deinen, um genau zu sein.
Wir haben sie nicht nach meinen Vorstellungen geregelt, sondern nach Toms und Geenas.
Und nach deinem komischen Gefühl. Schließlich soll man nicht Schicksal spielen.
Wenn du es unbedingt Schicksal nennen willst: Ich glaube, daß mein Gefühl mir deutlich zeigt, was das Schicksal will.
Was das angeht, bist du ziemlich arrogant. Wir haben uns ganz schön eingemischt. Das kann auch mal schiefgehen.
Ich weiß. Leider nur zu gut. Deshalb brauchte ich ja deine Hilfe. Ich hab's alleine auch schon mal versaut. Aber so war alles großartig. Du vor allen Dingen.
Sie lächelt geschmeichelt, aber nur kurz. Trotzdem. Ich habe es auch alleine schon versaut. Sonst wäre ich heute nicht so, wie ich bin. Und Intrigen dieser Art sind gefährlich. Wenn das jemand herausfindet, Dorothee zum Beispiel, können wir beide unsere Koffer packen.
Wieso?
Ich, weil dann das Maß endgültig voll ist. Glaube mir, man kann nicht studieren, wenn man von niemandem unter seinen Kommilitonen akzeptiert wird. Oder von niemandem beachtet wird. Und was dich angeht, so bist du mein Komplize und dich trifft das gleiche Schicksal.
Na na! Es ging doch alles sehr gut. Und es hat niemand etwas bemerkt, schon gar nicht Dorothee.
Der Wasserkocher beginnt zu blubbern. Sie springt auf und schaltet ihn aus. Dann nimmt sie zwei Teebeutel und macht die Tassen - sie zaubert sie aus einer Schublade hervor - fertig. Sieht auf die Uhr. OK, vier Minuten. Die Uhr hängt über der Zimmertür. Er sieht an den Wänden entlang. Das Zimmer ist fast typisch für ein Mädchen ihres Alters. Nur die Poster der Schauspieler, Musiker, Bands, irgendwelcher Idole fehlen. Statt dessen sieht er Bilder von Landschaften. Pferde vor Sonnenuntergang. An der Skyline von Manhattan bleibt sein Blick hängen. Es wirkt beinahe desillusioniert neutral. Sie bemerkt seinen Blick. Ich mag Landschaften sehr gerne. Auch Betonwüsten. Draußen klopft der Regen ans Fenster, das Zimmer ist in Halbdunkel getaucht.
Wie hast du Tom dazu gekriegt, Geena anzusprechen?
Ganz einfach. Ich habe ihn daran erinnert, daß es Frauen gibt..., sie macht eine kleine Drehung, kommt mit sanften schwingenden Schritten - er bemerkt, daß ihre Füße nackt sind - zum Bett, setzt sich auf die Kante, so daß er ihr Profil sehen kann und wirft mit einem kurzen Nicken ihr Haar in den Nacken, wendet ihm ihr Gesicht zu und läßt ihn für eine Zehntelsekunde tief in ihre Augen blicken. Dann grinst sie ihn an. Das hat ihn nervös gemacht. Der Rest war leicht. Ich habe zwischendurch Geena ab und zu erwähnt und gesagt, sie hätte sich mit dem Neuen so gut unterhalten, den alle so süß finden.
Und Tom?
Hat mir transitive Verben erklärt. Danach hatte ich ihn gefragt. Aber er konnte es noch schlechter als ich. Der arme Kerl! Sie grinst. Allerdings, der arme Kerl! Was ihm Jana gerade gezeigt hat, war eine absolute Meisterleistung der Verführung. Ihm wird klar, daß sie, wenn sie will, fast jeden Mann um den Finger wickeln kann. Was er gerade gesehen hat, müssen andere spüren. Auch Tom. Er sieht Jana an.
Ganz schön dreist.
Ihre Haltung wird wieder normal. Für Tom oder andere wäre jetzt ihr Glanz verflogen. Er hingegen stellt einfach fest, daß sie es wieder abgestellt hat. Sie wirkt etwas ungehalten. Ja, aber das wolltest du doch. Du wolltest doch Jana, die Hexe, in Aktion.
Jana, die Hexe ...? Er sieht sie sich nachdenklich an. Fast ein wenig betrübt ist ihr Gesicht jetzt.
So haben sie mich damals genannt. Als ich noch wirklich schlimm war.
Ein kurzer Blick auf die Uhr, sie steht auf und entfernt die Teebeutel aus den Tassen. Eigentlich wollte ich damit endgültig aufhören. Du hast mich wieder reingerissen.
Warum aufhören? Es ist doch recht praktisch.
Nein, meint sie ernst, es ist einfach nur unfair. Und gefährlich.
Er denkt nach. Du mußt dich ziemlich verändert haben, im letzten Jahr.
Allerdings. Sie gibt ihm eine Tasse mit einem blauen Herz und voll schwarzen Tees. Auf ihrer Tasse steht groß 'Jana'. Ein entschuldigendes Schulterzucken. Ich habe nur diese zwei Tassen.
Sie trinken und schweigen ein bißchen. Draußen hat der Regen aufgehört. Zwischendurch öffnet er das Fenster. Es ist kühl geworden, man hört die Vögel zwitschern und das Tropfen des Wassers. Sie sieht hinaus, betrachtet die Wolken.
Ab morgen wird es wieder Sommer.
Woran siehst du das?
Sie reden noch lange miteinander und trinken Tee. Als er später geht, bringt sie ihn zur Tür. Also, meint sie, bis Montag im College.
Darf ich dich noch etwas fragen?
Klar doch.
Würdest du es noch mal tun?
Sie tut es wieder und mehr als einmal. Tom und Geena sind erst der Anfang, es folgen in den nächsten Monaten einige weitere Paare. Sein ebenso untrügliches wie unangenehmes Gefühl sagt ihnen, wann es wieder soweit ist. Dann werden sie aktiv, um 'der Liebe etwas nachzuhelfen', wie er es ausdrückt. Durch diese gemeinsamen Aktionen sind sie gegen Ende des Sommers nicht nur ein perfekt zusammen arbeitendes Team, sondern auch Freunde geworden. So unternehmen sie viel gemeinsam, solange sein Gefühl einigermaßen erträglich bleibt. Wird es wieder zu stark, und haben sie sich davon überzeugt, daß ein Pärchen nicht von alleine zusammenfindet, klügeln sie einen Plan aus. Den Ansatz liefert er mit seiner brillianten Beobachtungsgabe. Die schwierigen Dinge in der Ausführung übernimmt Jana, die zwar nach wie vor eher still bleibt, sich aber bei Bedarf tatsächlich in einen Charakter ihrer Wahl verwandeln kann. Allerdings wird sie zu Zeiten solcher Aktionen immer sehr unausgeglichen und er beginnt, sich ihretwegen Gedanken zu machen. Es stellt sich - wie auch schon beim ersten Mal - heraus, daß Jana danach sehr aggressiv ist und ihm mit Wut oder auch Verachtung begegnet. Sie macht es ihm dann immer wieder zum Vorwurf, daß sie das Biest für ihn spielen muß, und das, obwohl sie es nicht einmal muß, sondern freiwillig tut. Daher begreift er nicht, warum sie sich überhaupt darauf einläßt. Es scheint manchmal sogar so, als hätte sie selbst ein Interesse entwickelt, Leute zu verkuppeln. Jedenfalls macht er sich Sorgen deswegen, denn er hat festgestellt, daß es sie sehr belastet. Und das nicht etwa, weil sie Angst davor hat, entdeckt zu werden - sie sind immer sehr vorsichtig - , sondern weil sie anscheinend wirklich kein Biest ist, nur eins sein kann, wenn sie sich mit aller Willensanstrengung darauf konzentriert. Er denkt hin und wieder über ihre Vergangenheit nach, die Zeit bevor er hierherkam, als sie noch mit Alec zusammen war. Die Zeit, von der sie noch ihren schlechten Ruf behalten hat. Er fragt sich, was eigentlich damals passiert ist. Jana selbst sagt, sie sei ein Miststück gewesen. Das ist aber auch alles was sie sagt, denn ansonsten redet sie nie darüber. Er kann ihr aber nicht glauben, da er nur sieht, daß es sie bereits sehr belastet, für ihn das Biest zu spielen. In dieser Hinsicht fällt ihr nur eines leicht, nämlich ihn zu traktieren, wenn sie gerade wieder erfolgreich ein Paar zusammengebracht haben, dann erscheint sie ihm - aber nur ihm - manchmal wirklich wie ein Biest. In den Tagen, in denen sie sich dafür revanchiert, daß sie ihm helfen durfte, freiwillig, dafür daß es sie so belastet hat. Dann verlangt sie von ihm Gegengefallen, die meistens darauf abzielen, sie und ihn ebenfalls als Paar erscheinen zu lassen. Sie läßt sich von ihm ausführen oder nimmt ihn zum Kleider kaufen mit. Ihm ist das vor allen Dingen lästig, oft sogar peinlich, was sie dann köstlich amüsiert. Aber, sagt sie dann kichernd, ich spiele kostenlos für dich die Verkupplerin und das, hier wird sie ernst, ist auch nicht immer leicht. Also tu' mir auch mal einen Gefallen! Ich lasse mich gerne gut behandeln. Und jetzt mach nicht so ein Gesicht, sonst will ich nächstes mal einen Kuß. Woraufhin er sich bemüht, fröhlich zu wirken. Doch sind das immer nur die ersten Tage nach einem weiteren Paar. Danach sind sie einfach wieder gute Freunde. Obwohl Jana insofern mit ihren Gegengefallen Erfolg hat, daß die meisten sie tatsächlich für ein Paar halten.
Eines Tages gelingt es ihnen, Ginger und Gordon zusammenzubringen ( Sie reden zwar immer noch nicht, aber wenigstens benutzen sie mal ihren Mund.), was ein echtes Problem darstellt und selbst für Jana zu einer Nagelprobe ihrer Künste wird. Zwar gelingt es ihr souverän, aber danach ist sie sehr aggressiv und am nächsten Tag, als sie sich zum Tee treffen, hat sie einen Kater. Vielleicht hat sie auch geweint, jedenfalls sind ihre Augen gerötet, sie ist unausgeschlafen und ihre Haare diesmal wirklich durcheinander. Draußen regnet es und ist so kalt, daß sie zum ersten Mal seit sie Freunde sind, einen Pulli trägt. Einen blauen Pulli und eine weiße Hose. Sie sitzen auf Janas Bett.
Ich habe die beiden heute morgen gesehen, sagt er.
Dann hast du ja auch bemerkt, daß es tatsächlich geklappt hat.
War es schwierig?
Nein. Es war kinderleicht, wie ich dir schon vorher gesagt hatte. Er hätte nur um ein Haar nicht funktioniert, dein blöder Plan.
Du hast doch selbst gesagt, das sei die einzige Möglichkeit. Und vorher wirktest du doch ganz locker. Jedenfalls ist sie jetzt eher gereizt.
War ich aber nicht. Und du schuldest mir diesmal einen großen Gefallen. Innerlich stöhnt er auf. Was hat sie sich denn jetzt ausgedacht?
Ich will einen Kuß.
Jana .., er ist erschrocken, ... das geht nicht.
Doch das geht! Ich will dir mal was sagen: Für dich ist das alles recht einfach, du kannst gut beobachten und wenn es ernst wird, brauchst du mir nur zu sagen, was ich tun soll. Dein einziges Problem ist dein ... beschissenes Gefühl.
Das Problem ist vielleicht größer, als du denkst.
Möglich. Aber du hast überhaupt keine Vorstellung davon, wie groß mein Problem ist. Du hast keine Ahnung davon, wie beschissen es ist, für dich dieses Theater zu spielen. Ich bin nämlich nicht mehr das, was Margret und die anderen behaupten. Ich kann es sein, aber es ist anstrengend und es tut auch weh, innerlich, falls du weißt, was das ist. Ich mache für dich die Drecksarbeit, vielleicht sollte ich sagen, ich lasse mich von dir ausnutzen. Es schadet dir gar nichts, wenn du auch mal etwas Unangenehmes dafür erledigst. Ich will den Kuß.
Also küßt er sie widerstrebend.
Nein. Nicht so.
Jana..., er stöhnt auf.
Ich will einen richtigen Kuß. Dann nimmt sie sein Gesicht in ihre Hände - solche Sachen schafft sie nur, wenn sie sehr wütend ist -. Leise, aber trotzdem scharf ist ihre Stimme. Ich habe das Gefühl, daß ich mich für dich verkaufe, wenn ich solche Sachen mache, wie zum Beispiel gestern. Dafür habe ich verdammt noch mal das Recht, ein bißchen zurückzubekommen. Und jetzt küß' mich, oder das war das letzte Mal, daß ich dir geholfen habe!
Er weiß, daß er auf sie angewiesen ist. Seine früheren eigenen Versuche haben ihn gelehrt, daß er alleine gar nichts ausrichten kann. Und er wird früher oder später an seinem inneren Würgen kaputtgehen oder verrückt werden, wenn er nichts unternimmt. Das spürt er immer wieder mit größter Sicherheit. Erst in letzter Zeit, da sie sich erfolgreich seines Problems annehmen konnten, wird es allmählich besser. Es scheint seine Bestimmung zu sein, sich um Verliebte zu kümmern. All das geht ihm währenddessen durch den Kopf. Trotzdem kostet es ihn Kraft, sie zu küssen, und ein wenig versteht er fast, was sie damit meinte, sich zu verkaufen. Jana hingegen genießt es sichtlich. Für einen Augenblick.
Seitdem macht er sich noch mehr Gedanken darüber, wie sehr belastend es für sie ist, ihm zu helfen. Gereizt ist sie immer, wenn sie wieder zwei zusammengebracht hat, aber bei den einfachen Fällen schläft sie dann darüber und hat hinterher beim traditionell gewordenen Teetrinken lediglich Kopfschmerzen und ist ziemlich leise. Er denkt jetzt häufiger darüber nach und analysiert auch die Szene mit dem Kuß noch einmal. Natürlich hat sie den Kuß haben wollen, weil sie ihm zeigen wollte, daß sie sich ausgenutzt gefühlt hat. Sie wußte, daß er sich dabei genauso fühlen würde. Aber das war es nicht nur. Ihm fällt wieder ihre Reaktion auf die Frage ein, es wieder zu versuchen, ein Paar zu verkuppeln. Soviel steht fest, es ist für Jana eine riesige Belastung, 'Jana, die Hexe' zu spielen, und obwohl sie sich auch darüber freut, wenn sie wieder erfolgreich waren, kann das nicht der einzige Grund für sie sein, es zu tun. Warum tut sie es überhaupt, wenn es sie so mitnimmt?
Scott O'Neill und Sally Ridges stellen sich als echter Problemfall heraus. Scott ist ein Sportlertyp, Sally ein hübsches Mädchen mit der unangenehmen Eigenart, für Analysis zu schwärmen, die beiden kennen sich seit Monaten, himmeln sich an, daß es tatsächl
ich jeder außer ihnen selbst bemerkt. Und dennoch ...
Mathematik. Die beiden reden über nichts anderes als Mathematik. Jana verzieht das Gesicht. Eigentlich müßte man nur ein Funktion finden, die sie in einen Punkt steckt.
Sie spazieren durch die mittlerweile abgeernteten Felder, die Wolken machen Schattenspiele, heute allerdings in braun und braun. Er blickt zu dem Buschstreifen hinauf. Wenn heute dort jemand säße, könnten wir ihn meilenweit sehen.
Sie muß lachen. Tom und Geena, ich erinnere mich. Aber wer sollte uns auch zusammenbringen wollen? Übrigens, Tom und Geena heiraten.
Das ist nicht dein Ernst.
Nein, wirklich. Sie haben sich anscheinend letzte Woche verlobt. Und nächste Woche ist die offizielle Verlobungsparty.
Verlobungsparty?
Der Tanzabend nächste Woche. Seit sich das herumspricht, sagen alle, daß sei die Verlobungsparty.
Hey gut, hier war lange nichts mehr los. Aber das macht doch die Studentenvereinigung?
Offenbar hat Geenas Vater der Vereinigung etwas Geld gespendet. Muß wohl ziemlich reich sein. Jedenfalls kann die Party jetzt richtig groß im Wirtshaus am Fluß steigen. Sie sieht ihn schelmisch an. Meinst du wir sollten uns auch verloben? Immerhin gelten wir schon als unzertrennlich.
Er überhört das. Aber dann fällt ihm plötzlich etwas ein. Mensch, das ist doch die Gelegenheit. Da ist richtig Platz zum tanzen, und da werden alle kommen. Alle, auch Sally und Scott. Er denkt kurz nach. Ein schöner Abend, gute Musik, Tanzen schafft Nähe, das Bier macht Mut. Und schwups schon sind die beiden zusammen.
Jana wirkt skeptisch.
Glaubst du das wirklich? Sally hat mir selbst beschwipst schon die Ohren mit irgendwelchen Integralen vollgequatscht.
Ja, aber die Gelegenheit ist die günstigste, die es gibt.
Dennoch ist Janas Skepsis berechtigt, denn Scott und Sally scheinen selbst noch nicht richtig bemerkt zu haben, was sie füreinander empfinden. Scott schon. Aber um Sally ihre Gefühle klarzumachen, dazu müßte man..
Man müßte Sally eifersüchtig machen. Damit sie endlich merkt, daß sie Scott für mehr als einen guten Mathematiker hält. Auf einem Tanzabend fällt das nicht mal auf.
Eifersüchtig. Jana bleibt stehen und ihr Gesicht wirkt wie versteinert. Wie meinst du das?
An diesem Samstagabend zeigt Jana ihre Fähigkeiten, wie er es nie zuvor gesehen hat. Sie trägt ein enganliegendes kurzes rotes Satinkleid, schwarze Schuhe, eine Silberne Haarspange und sieht aus, als sei sie soeben von der Titelseite einer Illustrierten gehüpft. Als er mit Scott eintrifft, den er zufällig getroffen hat, begrüßt sie diesen sofort. Er selbst sagt ihr nur kurz Hallo und wird -nach Plan- im Laufe des Abends nur wenige Male mit ihr sprechen, damit niemand sich wundert. Jana hat ihm klipp und klar gesagt, daß sie unterdessen ihre Ruhe haben will. Darum geht er jetzt hinüber zur Theke, wo er einige Bekannte entdeckt hat. Für ihn entwickelt sich der Abend bald zu einer reinen Folter. Er beobachtet unauffällig aber aufmerksam, wie Jana einige male mit Scott tanzt, bemerkt auch, daß Sally allmählich tatsächlich eifersüchtig wird. Bis dahin läuft alles perfekt, er hat sie also richtig eingeschätzt. Jetzt braucht sie nur noch hinüberzugehen und sich einzumischen. Sein unangenehmes Gefühl quält ihn. Er weiß, daß es sehr gefährlich ist, was sie heute tun. Einerseits Janas wegen - gottseidank ist zumindest Margret nicht da - und dann, wenn er Sally falsch eingeschätzt hat und sie Scott ziehen läßt... Der Gedanke ist ihm zu unangenehm. Jetzt trinken Jana undScott ein Bier zusammen, er sieht, wie sie sich bewegt. Das hat er schon einmal gesehen, und ihm wird fast übel bei dem Gedanken, daß Scott sich in sie vergucken könnte. Er trifft Jana kurz darauf am Ausschank.
Und?
Übertreib es nicht! Ich denke, du interessierst dich nicht für Scott.
Wieso? Er ist doch ganz nett.
Er schluckt. Er soll aber mit Sally zusammenkommen, nicht mit dir. Du sollst nur sie etwas eifersüchtig machen. Und das ist sie jetzt schon.
Jawohl, ich tue mein bestes, General. Offenbar hat sie schon getrunken.
Es wird viel getanzt und die Stimmung steigert sich immer weiter, nicht nur im Saal, sondern , wie er zu sehen glaubt, auch zwischen Jana und Scott. Heute glaubt er sogar zu verstehen, wie sie zu ihrem Spitznamen 'Hexe' gekommen ist, denn sie scheint Scott wirklich behext zu haben. Alles scheint aus dem Ruder zu laufen, denn Sally, obwohl sie sichtlich innerlich kocht, hat sich immer noch nicht zu den beiden gesellt. Er ruft sich selbst zur Ordnung. Natürlich muß Scott Interesse an Jana zeigen, sonst funktioniert der Plan nicht. Aber trotzdem, Jana übertreibt allmählich etwas.
Er trifft sie im Flur vor den Toiletten.
Schluß!
Was?
Wir brechen die Aktion ab. Laß Scott in Frieden!
Sie geht nicht darauf ein. Du siehst richtig krank aus.
Ich fühle mich auch so. Verdammt, es tötet mich, wenn du das zerstörst, was zwischen den beiden ist.
Plötzlich ist ihr Gesicht direkt vor seinem, ihre Stimme ist kühl und ironisch. Etwas mehr Vertrauen, bitte! Und halte dich an die Abmachung: Du machst den Plan, ich führe ihn aus. Und genau das werde ich jetzt tun. Sie läßt ihn stehen. Er betritt die Toiletten und läßt sich am Waschbecken kaltes Wasser über den Kopf laufen. Viel kaltes Wasser.
Es geht jetzt richtig heiß her, die Tanzfläche ist brechend voll, die Kapelle reiht Hit an Hit. Das Bier fließt in Strömen. Es ist laut und so stickig, daß einigen schlecht wird, und sie den Raum verlassen. In den Ecken sitzen Liebespaare und schmusen. Es wird viel gelacht. Alles schiebt sich durcheinander. Ihm ist hundeelend, er wird geschoben und gerempelt, immer wieder verliert er Scott, Jana und Sally aus den Augen. Dann - er weiß selbst nicht wie - tanzt er plötzlich mit Geena. Sie lächelt: Ich dachte du wolltest einige Tage nach Hause. Er erinnert sich dunkel, das jemandem gesagt zu haben. Nein, nein, ich kann doch so ein Fest nicht verpassen. Er wird weitergereicht und merkt, daß er jetzt mit Jana tanzt. Du trägst heute gar nichts blaues, fällt ihm auf.
Doch, Süßer, meine Unterwäsche.
Er wird rot. Entschuldige. Wie läuft es?
Er ist wirklich zuckersüß. Vielleicht nehme ich ihn mit nach Hause.
Er stöhnt auf. Jana, du willst doch nicht ...
Warum denn nicht? Weshalb sollte ich immer nur das tun, was du willst?
Ihm wird übel, er rennt zur Toilette und übergibt sich. Vorbei, denkt er, den Kopf wieder unter dem Wasserhahn, sie hat es versaut. Sie hat Scott und Sally auseinandergekriegt. Nun darf er also erleben, wie sein inneres Würgen ihn vernichtet.
Aber seltsam, eigentlich sind ihm Tom und Sally im Augenblick fast egal. Jedenfalls denkt er nur daran, daß Jana mit Scott anbandelt, nicht was Sally dabei denkt. Selbstironisch lacht er kurz auf. Er wollte Sally eifersüchtig machen, und jetzt ist er es an scheinend selbst.
Als er jetzt vom Klo zurückkommt, den Kopf noch naß, sind Jana, Sally und Scott verschwunden. Er sucht den ganzen Saal ab, findet sie aber nicht. Geena erzählt ihm schließlich, sie habe Jana nach draußen gehen gesehen. Frag sie doch mal, wo sie dieses Kleid her hat! ruft sie ihm nach, als er sich zur Tür wendet.
Der Vorplatz ist leer, weit und breit niemand zu sehen, aber die Luft ist frisch und er gönnt sich einige tiefe Atemzüge, während er sich umsieht. Es ist, wie er feststellt, eine laue und eigentlich recht helle Nacht, nur die Lichter der Umgebung bewirken, daß sowohl die Büsche am Flußufer, als auch auf der anderen Seite die Straße dunkel erscheinen. Aus der Schwärze Richtung Fluß tritt jetzt Jana in den Lichtschein und geht, ihn ignorierend, zur Straße. Erst als sie lange an ihm vorbei ist, dreht sie sich um, mustert ihn. Auftrag ausgeführt. Die beiden sind spazieren. Hand in Hand, wie gewünscht.
Er bemerkt die Wut in ihrer Stimme. Brüsk dreht sie sich um und verschwindet, ihn im Licht des Hauses zurücklassend in der dunklen Straße. Es ist eigentlich wie immer, sie gibt ihm bescheid, und er wird jetzt zum Fluß hinübergehen, um zu sehen, daß sie die Wahrheit gesagt hat. Sie wird morgen Kopfschmerzen haben und lange schlafen. Dann werden sie sich treffen und Tee trinken, sie wird ihm erzählen, wie es gegangen ist. Er muß sich nun beeilen, wenn er Scott und Sally auf ihrem Spaziergang noch sehen will. Vielleicht will sie wieder einen Kuß.
Er geht diesmal nicht zum Fluß. Er läuft ihr hinterher, in die Straße hinein. Seine Schritte hallen auf dem Pflaster. Er bemerkt noch einmal, daß es gar nicht sehr dunkel ist. Der Mond scheint zwischen den Häusern hindurch. Dann sieht er sie. Sie geht schnell, versucht aber nicht, ihm auszuweichen. Sie weint. Die Härte und Wut sind aus ihrem Gesicht verschwunden, sie preßt die Lippen aufeinander. Auf ihrer Wange sind Tränenspuren.
Jana, fragt er, was ist los?
Er versucht ihr ins Gesicht zu sehen, aber sie geht einfach weiter. Dann hält sie doch an. Zum ersten mal fällt ihm nun auf, daß sie schön ist. Sei kein Dummkopf, geht es ihm durch den Kopf, natürlich sieht sie gut aus, das hast du immer gewußt. Das macht sogar viel von ihrer Rolle bei diesem Spiel aus. Aber so, wie ihm klar ist, daß es für ihn weit mehr als ein Spiel ist, so weiß er auch, daß er sie gerade zum ersten mal wirklich für schön gehalten hat. Er hat es gefühlt. Jetzt endlich blickt sie ihn an.
Was willst du noch?
Ihre Stimme soll wohl kühl klingen, aber sie hat sie nicht unter Kontrolle.
Du weinst.
Es ist alles erledigt. Die beiden sind glücklich. Jetzt geh schon und sieh es dir an, damit du auch glücklich sein kannst! An den letzten Worten erstickt sie fast, und ihm wird plötzlich klar, warum sie ihm all die Zeit geholfen hat.
Wieder geht sie an ihm vorbei und als er fünf Schritte weiter wieder neben ihr ist, laufen ihr die Tränen übers Gesicht. Ohne noch mehr zu sagen nimmt er sie in den Arm. Sie gehen eine Weile schweigend weiter, bis sie sich allmählich etwas beruhigt. Schließlich sagt er: Es war das letzte mal. Ich möchte nicht, daß du das noch mal mitmachst. Als er sie dann küßt, beginnt sie wieder zu weinen.
Er bringt sie nach Hause, und erst als er später selbst auf dem Heimweg ist, die Baumschatten und Mondlichtstreifen auf der Allee entlang, denkt er kurz an Scott und Sally. Auftrag ausgeführt, fällt ihm ein, dieses Problem ist erledigt. Aber das ungute Gefühl ist noch da. Es ist sogar stärker als vorher, doch er kann nicht ergründen, was es bedeutet. Nur seltsamerweise ist es gar nicht mehr unangenehm, nicht mehr drängend, sondern eher ...
Er tritt in den Schatten einer Toreinfahrt, sieht auf der Alle das Mondlicht spielen. Jana fällt ihm ein. Sie ist schön. Niemand kann sehen, daß er lächelt.