Widmung
Mein Freund! Du strebst nach hohen Dingen,
wenn Du mit Stil und Reim Dich plagst.
Jedoch,wenn tief ins Herz Dir dringen
neue Gedanken: dann unverzagt
greif Deine Feder! Schreib es schnell
und denk nicht ans Reimen und Wortschönheit!
Die Idee macht dereinst Dir dunkle Zeit hell,
vom leeren Reim bleibt nur Eitelkeit.
Gedichte - Inhalt
Bekehrung
Du redest von Sternen- und Mondenschein
gar seltsame Dinge. Bei Licht
betrachtet sind's eben nur Sterne.
Besonderes seh' ich da nicht.
Auch sprichst Du wohl gerne vom Raunen des Waldes,
vom Säuseln all der Natur.
Nun, Rauschen ist's wohl - wiewohl etwas leise -
doch warum sagst Du es mir nur?
Dann fängst Du noch an von Blumen und Bienen
und rückst auf einmal so nah!
Die Blumen, sie duften, die Bienen, sie Brummen.
He! Aber was machst Du denn da?
Jetzt meist Du, ich hätte glänzende Augen,
woraus der Mond wohl scheint.
Derselbe steht über mir am Himmel,
also wie war das gemmmmmm ...
...
Du holdes Wesen, Du duftende Blume,
bist schön wie das Paradeis.
Wie herrlich ist's unter den Sternen zu lieben!
Der Wald, er raunet ganz leis.
Gedichte - Inhalt
Mädel
Drunten am Fluß stehn eure Zelte.
Du bist eine von vielen der Jungkompanie.
Ihr probt hartes Leben, als harte Jugend,
du marschierst, exerzierst,
kommandierst und trainierst;
bist stolz auf Dich, denn so sagen sie:
Auch du wirkst im Sinne der großen Idee
mit an der Gestaltung kommender Welten.
Doch nachts geträumt
hast Du nur von dem Freund,
welcher hinter den Zelten
letzte Nacht
dich zur Frau gemacht.
Gedichte - Inhalt
Neujahr
Tönet Pauken! Schallt Trompeten! Freudenklänge schwebt empor!
Unser Dank sei dargebracht, daß uns hat geneigt ihr Ohr,
oh Fortuna, Schicksalsgöttin, also auch im alten Jahr,
welches, so klingt's allenthalben, angenehm, ein gutes, war.
Jubelnd ruft's aus allen Kehlen, und die Barden unserer Tage
greifen in die Saiten wieder. Höret, wie ich sing und sage!
Ach! Ich habe nicht die Worte aller dieser Dichterfürsten,
um zu singen von Fortuna denen, die nach Wahrheit dürsten,
da sie ahnen, daß die Holde - ein durchtrieben falsches Biest -
gerne durcheinanderwirbelt alles, was uns heilig ist.
Kehrt das unterste zuoberst und selbst aus dem tiefsten Loch,
dem sich niemand nähern würde, zieht sie einen König noch,
welcher morgen statt des Alten, der gerecht und weise war,
uns're Lande wird beherrschen, aber mit der Schwerter Schar.
Also wendet sich zum Bösen, was uns heute angenehm.
Und auch dafür wird noch einmal oh Fortunens Name stehn.
Darum schweiget still ihr Chöre! Instrumente stoppt den Sang,
daß sie nicht von Schlaf erwache, durch ihres Schicksalsnamens Klang!
Gedichte - Inhalt
Die Geschichte einer Nacht
Wahrlich, ein'ge Stunden sind nur kurze Zeit,
vergleicht man sie mit einem Menschenleben!
Doch oftmals war so viel von unserem Sein und Streben
in einer kürz'ren Zeit noch zur Entscheidung schon gebracht.
Denn über eines langen Lebens Freud und Leid
entscheidet manchmal nur ein Augenblick,
und was wir heute sind, ist oft, blickt man zurück,
nichts weiter als die Folgen der Geschichte einer Nacht.
Gedichte - Inhalt
Unglückliche Liebe
Gar seltsam ist mir in meinen Sinnen zumute;
in meinem Herzen tobt ein Sturm.
Die Liebe fließt im Puls mir durchs Blute,
mein Herz hab' ich verlor'n.
Doch ach! Man braucht ja das Herz zum Leben,
so zieh ich zu meinem Schatz,
daß sie es möge mir wiedergeben,
wie sie's gestohlen hat.
So sagt mein Schatz: S'war nicht geraubet,
s'war Deine Gab' für mich.
So halte Du denn Deine Seele,
dein Herz das halte ich.
Nun tut sie auf die Reise gehn
gar fern, da wird's mir so schwer.
Nun steh ich in meiner Seele bedrückt,
mein Herz vermiß ich gar sehr.
Gedichte - Inhalt
Der Wind auf den Gräbern
Hörst du den Wind über die Gräber wehen?
Wo sind die Menschen, die sie einst waren?
Es sind so viele! Ganze Armeen
und Menschengeschlechter sind hier begraben.
So viele Vergess'ne aus so vielen Jahren!
Und doch, eine jede von ihnen hat
einst wie ich gefühlt, die Freude, den Schmerz,
die Liebe. Doch des Schicksals Rad
hat ihre Gefühle ins Nichts zerstreut.
Was sind schon Gefühle wert, mein Herz?
Du schweigst? Du schweigst. Und mich übermannt
mit einem mal eine tiefe Trauer.
Denn plötzlich habe ich auch erkannt:
Vergebens haben sie alle gefühlt,
nichts ist geblieben! Nur die Friedhofsmauer.
Vergebens, daß heut' ich verzehr mich nach Dir.
Wenn bald schon andere Menschen hier stehen,
dann gibt es nicht Liebe noch Schmerz mehr von mir,
dann bin ich nicht mehr, wenn die Frage erklingt:
Hörst Du den Wind über die Gräber wehen?
Gedichte - Inhalt
Chanson du soir (e-moll)
Mit wehendem Kleidchen kommst du vorbei,
und ich denk nur: Mein Gott, ist die schön!
Schon ist mir mein Herz in die Hose gerutscht.
Du sagst: Hi! Ich sag: Hi!
Schon bist du vorbei.
Mir geht's mies, denn ich ließ dich gehn.
Mit wehendem Kleidchen kommst du zurück,
und ich denk: Sie ist immer noch schön!
Diesmal schaffe ich es, ein wenig zu lächeln.
Ich sag: Hi! Du sagst: Hi!
Schon bist du vorbei.
Vielleicht bleibst du nächstes mal stehn.
Gedichte - Inhalt
Für Sofie
Nicht jedem ist gegeben die Gabe,
zu formen die Worte mit seinem Munde,
daß sie singen und klingen
und rühren die Herzen der Menschen.
Auch ich kann Dir nicht mehr erklären,
was ich spüre, tief in meinem Innersten.
Doch Du spürst ein Gleiches,
so ahn ich und spare der Worte.
Gedichte - Inhalt
Lied der Sozialarbeiter
Lange Schlangen, Wartereihen
auf den Fluren vor dem Amt.
Heute soll's Almosen geben,
frisch Gesellen, seid zur Hand!
Bringt auf mein Geheiß
her mir das Geschmeiß!
Daß nach alter Väter Sitte
ich verteile meine Taler,
edelmütig Spenden reiche
von dem Geld der Steuerzahler.
Drum für arme Leut'
ist ein Festtag heut.
Bettler, Krüppel, Penner, Säufer,
selbst von fernher aus dem Land
kommen all' sie nun gezogen,
zu empfangen aus meiner Hand.
Edel ist's und gut,
was's Sozialamt tut.
Festgemauert über allem
sitzt der Staat auf seinem Thron.
Wunderbare Institutio!
Spricht er doch dem Elend Hohn
und beglückt zugleich
alle: arm und reich.
Wenn er auch die Reichen schröpfet
durch der Steuern schweres Joch
ist dies doch gar gut getan,
dient es ja den Armen doch.
Darum also preist
diesen hohen Geist!
Liebe Freunde, schlechte Nachricht,
mehr als Mitleid gibt's heut nicht,
denn des Staates Kassen sind
schon geleert durch and're Pflicht.
Drum auf mein Geheiß
raus mit dem Geschmeiß!
Gedichte - Inhalt
Ja und Nein
Es ist ein Traum, daß wir uns haben,
ein Rausch und Freudenfest,
daß man nicht wieder erwachen will.
Doch waren mir Träume gegeben,
bevor ich dich hatte;
ich verrate nicht die Träume meiner Vergangenheit.
Es ist seltsam, daß der Freie
nun an Dir hängt.
Es ist seltsam, daß meine großen Pläne
jetzt Deiner Gegenwart weichen.
Ein süßes Gefängnis bist Du,
Du läßt die Freiheit vergessen.
Doch bitte, sperre mich nicht ein,
denn wenn ich auch der Pläne vergesse,
so zerbreche ich doch ohne sie
und werde zur leeren Hülle.
Ich brauche meine Freiheit,
auch wenn ich es selbst nicht glaube,
brauche ich Zeit für mich.
Bitte, laß mich gehen!
Ich werde immer wieder von allein zurückkehren.
Gedichte - Inhalt
Für Sonja
Freiheit? Wie könnt' ich frei sein, da Du
mir nun wieder begegnet bist?
Ein Lächeln von Dir ist wie Sonnenstrahl,
es wärmt mir mein Herz: Mit einem mal
glüht in Liebe zu Dir es wieder,
ruft mein Kopf auch: Vorbei! Vorbei!
Doch zwingt's Herz den Verstand bald nieder.
Also sag mir: Wie wär ich frei?
Das Band ist noch nicht zerschnitten,
die Liebe noch nicht dahin!
Wir können nur hoffen und bitten,
daß gnädige Zeit uns die Wunden heilt
und's Band am Ende doch zerteilt,
oder gütiges Los zuletzt dann noch
in Liebe uns vereint.
Gedichte - Inhalt
Das Wandern ist des Müllers Lust
Und wieder ist es Zeit,
den Ranzen zu schnüren,
in die Welt zu marschieren
und zu sehen und zu spüren,
was die Welt noch so tut;
um den Glauben zu verlieren,
daß Du mehr weißt als andere,
um den Glauben zu verlieren,
daß Du weiser bist als andere,
um den Glauben zu verlieren,
daß Du es klüger machst als andere;
um zu spüren,
daß Du noch nichts weißt.
Gedichte - Inhalt
Abstand
Ich höre auf zu laufen,
halte an;
mein Herz pocht, der Atem geht schwer.
Ich schwitze und mit mir
schwitzt meine Seele.
Der ganze Dreck, Unrat,
der Sturm meiner Gefühle und Alles,
was er mitgerissen und zerstört hat,
sickert durch mein Empfinden
und durchweicht den Schutzwall, den ich mir gebaut habe,
wie der Schweiß meine Kleider durchnäßt.
Ich schließe die Augen,
ich vergesse das Denken,
ich vergesse meine Existenz.
Nur einen Augenblick lang, wenige Sekunden
verflüchtige ich mich,
löse mich auf,
werde reiner Geist und dann
nichts,
gar nichts mehr.
Dann öffne ich die Augen
und kehre zurück in den Körper,
der meiner ist, mehr als zuvor;
und dann sehe ich,
daß ich in einer anderen Welt bin.
Alles ist verändert, als hätte ich tausend Jahre geschlafen.
Ich gehe zurück,
und taufeuchtes Gras streift meine Beine.
Gedichte - Inhalt
Lebewohl
Als ich noch jung war
und als Mensch unfertig
umtrieben mich die Ideen
junger unfertiger Menschen.
Worte wollt ich fangen
wie Schmetterlinge und sie bannen
auf weißes Papier
mit wenig Kunst,
doch leicht zu verstehen,
ein Andenken an die Gedanken,
die tief mich bewegten.
Nun bin ich alt geworden;
so muß es denn sein,
da Gedanken mich nicht mehr bewegen.
Nur noch Erinnerung ist die Zeit,
da ich Erkenntnis suchte.
Jetzt ist alles leer.
Ein fertiger Mensch bin ich nun
kein besondrer, doch ist's damit zu Ende.
Fertige Menschen schreiben keine Gedichte mehr.
Lebewohl!
Gedichte - Inhalt
El hombre
Wieder und wieder
findet sich der Mensch vo den Spiegeln seiner Seele,
ohne zu begreifen, was er sieht.
Er sieht nicht, was er ist,
der doch alles sehen will
und vordringt in die Tiefen des Alls und der Atome
kann in sich selbst nicht eindringen.
Auf der Oberfläche seiner Gefühle
spinnt er Theorien - er nennt sie Philosophie -
über das Darunterliegende,
das er nie gesehen.
Gefühle sind nur die Oberfläche der Seele,
der Seele aber gegenüber ist der Mensch blind,
da er sie nicht sieht im Spiegel.
Ja, oft erkennt er nicht einmal den Spiegel.
Gedichte - Inhalt
Frage und Antwort
Und ich begann mich zu fragen,
was der Mensch denn ist.
Und als mir meine Lehrer nicht antworten konnten,
ging ich fort zu besseren Lehrern.
Doch auch diese wußten keine Antwort,
und so ging ich zu den Professoren, die mir erzählten,
was der Mensch tut,
aber nicht, was er ist.
Ich ging zu den Ärzten,
die glaubten zu wissen, was der Mensch ist,
aber sie wußten nur, wie er ist
und nicht warum.
So kam ich zu den Philosophen,
die wußten es.
Aber sie waren sich nicht einig,
und auf der Straße gingen zuviele Gegenbeweise.
Der weise Alte und der Einsiedler,
die erklärten es mir wohl,
aber ich verstand sie nicht.
So begann ich, selbst nach der Antwort zu forschen.
Ich fand heraus, daß es den Menschen nicht gibt,
sondern nur viele verschiedene.
Und dann begann ich zu lachen und sagte mir:
Wie soll ich denn wissen, was die anderen sind,
wenn nich noch nicht einmal weiß, was ich selbst bin?
Gedichte - Inhalt
Ein Versprechen
Dies ist für Dich:
Ich werde Dich nicht betrügen
noch vergessen
noch verraten
noch verleugnen
noch weniger lieben,
wenn ich für mich selbst lebe.
Sei überzeugt:
Ich denke an Dich
und bleibe Dir treu
und stehe zu Dir
und verteidige Dich
und komme immer zu Dir zurück,
wenn ich gegangen bin.
Habe also keine Angst zu warten,
mich gehen zu lassen,
mir etwas Freiheit zu geben
und mir dennoch zu vertrauen:
Ich gehöre zu Dir, auch wenn ich Zeit für mich brauche.
Sollte es jemals anders sein,
so erfährst Du es
BEVOR
ich gehe.
Gedichte - Inhalt
Der Sieger
Du bist der Siger.
Du hast das Rennen gewonnen
und jetzt umjubelt man Dich,
wie Du auf dem Siegertreppchen stehst,
glücklich.
Aber unter dem Podest, am Rande der Rennbahn
stehen die Besiegten,
erschöpft, kaputt, abgehängt und überrundet,
fertiggemacht von Dir.
Du bist der Beste.
Du hast den Kampf gewonnen,
die Wirtschaftsschlacht,
das Schlagen um Erfolg, Karriere und Geld,
viel Geld.
Jetzt bewundert man Dich,
wie Du an der Spitze stehst
reich und angesehen,
ein Experte
und zufrieden.
Aber im Schatten Deines Erfolges,
wo niemand hinsieht,
kriechen die, die Du überflügelt, betrogen,
korrumpiert und zur Seite gestoßen hast,
die zu spät gekommenen.
Sie leben im Elend, unter den Brücken,
ausgestoßen, die Versager und gescheiterten Existenzen.
Deine Opfer.
Du bist der Held.
Du hast den Krieg gewonnen
und jetzt ziehen die Soldaten, marschieren Dir zur Ehre,
während Du den Staatsmann spielst,
mächtig.
Doch auf den Schlachtfeldern liegen die Toten deines Krieges,
und in Deinen Gefängnissen schmoren die Gefangenen,
und in dem Land, das Du überrolltest in Deiner Macht,
herschen Hunger und Elend,
Krankheit und Tod.
Wünscht Du Dir nicht, eins Deiner Opfer zu sein?
Du bist an der Macht.
Du bist der Sieger.
Bist Du glücklich?
Gedichte - Inhalt
Naturerlebnis
Schwärzeste Nacht
von Nebelschwaden
ist der Himmel mir ferner denn je
und die Erde ein Gefängnis.
Narrende schatten
am Rande des Gesichts
lassen mich irre gehn im Nebel,
doch forschend ihrer Ursache
finde ich nichts.
Ich bin allein.
Feuchter Moder entsteigt der Erde,
und alles Leben gleicht den Schatten im Nebel.
Von Grausen gepackt
getrieben von dannen
will ich den Himmel sehn.
Schwärzeste Nacht
von Nebelschwaden
versuche ich zu fliehen.
Gedichte - Inhalt
Tod eines Handlungsreisenden
Die Luft ist schwer hier,
schwerer jedenfalls als draußen,
so um die zwei Kilo vielleicht,
die Sicht ist schlecht,
ob ich noch trinken will?
muß am Qualm liegen,
ja natürlich,
die Musik hämmert, reißt,
der Boden vibriert,
zwei schmusen halbnackt,
ich zahle,
oder sieht das nur so aus?
ich muß ..., die Klofrau schaut mürrisch wie immer,
zum Ausgang,
eine Blonde von links,
die Tanzfläche,
sie stinkt nach Schweiß, taumelnd,
der lederne versteht keinen Spaß,
die Boxen, laut, es schlägt im Magen,
draußen die Kälte,
der Boden vibriert, springt mir entgegen,
eine Lache, Schlamm, Dreck,
verdammter Mist,
die Autoschlüssel, der Wagen,
die Straßenlaterne, grell,
Ortsausgang,
Gas,
die Kurve,
die Kiste zieht gut,
der Boden vibriert,
der Baum,
dunkel
Gedichte - Inhalt
Du
Spüre die Welt,
die großartige,
in der Du lebst,
nimm sie auf!
Schließe die Augen und spüre deinen Körper,
Deine Finger und zehen,
die Du kontrollierst,
fühle sie!
Spüre Deinen Atem,
den Lebenshauch,
der Dich am Leben hält,
und bewundere ihn!
Spüre Deinen Geist,
den Verstand,
der den Körper steuert und bewohnt,
werde Dir seiner bewußt!
Lasse den Geist, und spüre Deine Gefühle,
das Rätsel,
die Dich erst leben machen,
genieße sie!
Lasse alles, und spüre das nichts,
das Unsägliche,
das Leere,
und dann spürst Du,
daß Da Noch Etwas ist;
Das bist DU!
Freue Dich!
Gedichte - Inhalt
Liebesbrief
Das leere Blatt liegt vor mir,
und bei seinem Anblick
beginnt es in meinem Kopf zu schreien:
Schreib ihr!
Als ob ich Dir noch etwas zu sagen hätte.
In Wirklichkeit habe ich Dir alles tausendmal gesagt
in Gedanken.
Wir haben so viel erlebt zusammen in meinem Kopf,
und Du hattest nicht die geringste Ahnung davon.
Tag für Tag unterhalten wir uns über Belanglosigkeiten.
Wir kennen uns schließlich.
Aber mit jedem Wort, das wir reden wirst Du mir gleichgültiger,
weil wir zuviel reden,
zuviele Belanglosigkeiten.
Natürlich ist es meine Schuld,
daß ich Dir nicht beizeiten gesagt habe, was ich für Dich empfinde.
Du hast ja keine Ahnung,
daß wir überhaupt mal eine Zukunft hatten,
daß wir hätten glücklich sein können,
oder unzufrieden
oder frustriert, egal,
ich hätte keine Sekunde mit Dir bereut.
Lieber ein Ende mit Schrecken als gar kein Anfang.
Grausamerweise
empfinde ich die Leere,
die sich zwischen uns schiebt,
wie die Heilung
von einer Krankheit.
Schließlich werden wir gute Bekannte bleiben,
wir können ja gut miteinander reden.
Nur manchmal noch schreit die Stimme in meinem Kopf,
und dann schreibe ich Dir Briefe,
die ich nie abschicke.
Ich liebe Dich.
Gedichte - Inhalt
Abhandlung über die Einmaligkeit des Menschen
Sie hatte mir wirklich gefallen.
Gut, sie war hübsch.
Aber vor allem hatte sie die richtige Einstellung.
Nachdem wir zehn Minuten geredet hatten,
merkte ich, daß sie so war wie ich.
Ich bin ein Nachtmensch, sagte sie.
Ich auch.
Ich halte mich für zu dick, sagte ich.
Sie auch.
Wir wußten alles übereinander,
bevor wir nur ein Wort geredet hatten.
Ich sagte, ich liebe die Dunkelheit.
Nicht die Dunkelheit, sagte sie, den Rest des Lichtes darin.
Das war mein tiefstes Geheimnis.
Wir kannten uns genau, bevor wir uns auch nur gesehen hatten.
Meinen Namen wußte sie.
Ich hatte einen Freund nach dem Ihren gefragt.
Die Adresse, meinte sie, könne man leicht dem Telefonbuch entlocken.
Meine Methode.
Bevor wir von unserer Existenz wußten, hatten wir uns nichts mehr zu sagen.
Unsere Beziehung war tot, bevor sie überhaupt begonnen hatte.
Ich nutzte den ersten Vorwand zu gehen
(natürlich wußte sie, daß es nur ein Vorwand war)
und lief in die Nacht hinaus
ohne anzuhalten.
Dabei hätte niemand sich jemals besser verstanden als wir beide.
Gedichte - Inhalt
Für Verena (zum Geburtstag)
Hab' Dir einen Brief geschrieben
und vom Altern nur geredet.
Doch Du bist so jung geblieben!
Hab' ihn zerrissen, ungelesen.
Ist auch besser so gewesen.
Wie man sich fühlt, so alt ist man.
Das sagt der Volksmund, er hat recht.
Und eine Folge ist alsdann:
Du bist die Jüng're von uns beiden;
und ich werd' stets der Ältere bleiben.
Hab' an Dein Gesicht gedacht,
Deine Haare und Dein Lächeln,
und das, was sie mit mir gemacht.
Um so leicht mein Herz zu stehlen,
braucht's schon altersgleiche Seelen.
Diesem altersgleichen Wesen
- und der Diebin meines Herzens -
gilt der Wunsch, der nun zu lesen:
Daß Du, wenn es möglich ist,
in jedem Alter glücklich bist.
Gedichte - Inhalt
Winterlied im Frühling
Schon so lange ist es her,
dass ich einen Kuss gekostet,
dass in sanften Armen ich
meine Ruhe hab gefunden.
Es gibt keine Küsse mehr,
ist mein Eindruck jetzt zur Zeit.
Auch sind lang die sanften Arme
schon aus meiner Welt entschwunden.
Säh ich nicht an jedem Tag
Leute, die verliebt sich küssen,
die noch - Arm in Arm umschlungen -
sich in schweren Stunden halten,
müsst ich denken, was ich mag,
was ich liebe und begehre
ist verkümmert, ausgestorben
in zwei Jahren nur - zwei kalten.
Gedichte - Inhalt
Blaublümelein
Morgens, wenn ich früh aufsteh',
sinnend durch die Dämm'rung geh',
warte, dass der Tag erwacht,
spüre noch die Kälte der Nacht,
dann wird mir das Herz so schwer.
Blümlein - starr in Frostes Kleid -
hoffen, dass der Tag nicht weit.
Mir scheint's, dass von fern dies Lied
schaurig-sanft die Luft durchzieht.
Ich vergess es nimmermehr.
Ist ein Lied aus and'rer Zeit.
Singt von Blümlein, Liebesleid,
Liebenden in einsamer Not,
bösem Glück und frühem Tod
und des Frostes kalter Macht.
Da steigt warm der Sonne Lauf.
Blumenkelche springen auf.
Vor der Vögel fröhlichem Sang
schwindet bald des Traumliedes Klang.
Schütze, Herr, uns in der Nacht!
Gedichte - Inhalt
Autobiographie eines abgetriebenen Säuglings
Ich wurde gezeugt
und starb.
(St. & Cl. Schmitz)
Gedichte - Inhalt
Frühlingstag
Zwei Tassen Kaffe und ein sanftes Lachen
sind schon genug, dass deine Ruhe schwindet!
Du fragst, warum sie dich so zittern machen?
Wie das Gebräu wirkt, lässt sich leicht erklären.
Doch jene Lippen dort? Ich kann's nicht sagen.
Sah oft schon schönere, an manchen Tagen;
doch zittertest du nicht, wenn's andere wären.
Wer nicht von Liebe träumt, sehnt es herbei.
Wen Träume quälen, sucht sie zu vertreiben.
Ist es nicht wahr, was wir so lang schon schreiben:
Man liebt. Man wünscht sich von der Liebe frei.
Kein Mensch wird jemals frei von Sehnsucht bleiben.
Gedichte - Inhalt
Abzählreim
Ene, mene, Ringelreihe,
sind der Kinder, Mädchen dreie;
Erste lässt mit dem sich blicken,
Zweite tut mit jenem tanzen.
Dritte aber,
arme du,
sieh nur zu!
Wen kriegst du,
wen kriegst du?
Gedichte - Inhalt
Rehlein bleibt Rehlein und Wilddieb bleibt Wilddieb
Es war einmal eine Ricke,
die mochte den Wilddieb so gern,
und blieb, dass sie ihn erblicke,
oft stehen, wenn allles ihn floh.
Die Mutter sprach: Bleibe ihm fern!
Mütter sind eben so.
Doch unser junges Rehlein
hört' nicht auf der Mutter Wort.
Er mochte ein Mörder nunwohl sein,
ein böser und garstiger Mann.
Sie schlich aus dem Schutz sich fort,
schmachtet' von ferne ihn an.
Dann einmal hat ihre Liebe
sie schließlich zu ihm geführt:
Sie trabt zu dem wildernden Diebe.
Er sagt: Das erleb ich nicht wieder,
die Ricke hat's Herz mir gerührt.
Spricht's, dann schießt er sie nieder.
Gedichte - Inhalt
Bardengesänge: Präludium I
(atheistisch)
Ihr Freunde, haltet mich zurück!
Und achtet, dass mein Mund verschlossen bleibe,
dass ich nicht hadre mit der Menschen Glück,
noch mit des Schicksals Willen meine Witze treibe.
Denn schließlich ist das Leben doch zum lachen.
Was sind schon Seligkeit und Schmerz, was unser Fühlen?
Doch Nichts, als Uhrensand und Tand und eitle Sachen,
ein kurzes Wachen vor dem ew'gen Schlaf, dem kühlen.
Drum tun mich schier die weisen Lehren auch verdrießen:
Der Mensch sei keuch und pflichtbewusst, auch in der Not.
Wenn uns die Prediger doch nur einfach leben ließen!
Wir sterben - gut und böse - doch denselben Tod.
Und wollet, edle Herren, es mir nicht verübeln,
dass wieder ich zur Stunde nun den Becher hebe
und rufe: Nehm nur reichlich! Lasst das grübeln!
Denn maßlos feiern kann ich nur, solang ich lebe.
Gedichte - Inhalt
Bardengesänge: Sinnspruch
(eifersüchtig)
Drum liebt nicht IHN, ihr Mädchen!
Er ist ein alter Herr.
Und wenn ihr selbst einst alt seid,
kriegt jüng're ihr nicht mehr.
Gedichte - Inhalt
Bardengesänge: Schmählied
(schlecht gelaunt)
Ach Menschen! Schwört nicht auf die ewige Liebe,
wenn ihr kein ewiges Leben führen könnt!
Und wenn ihr alt seid, lasst die Schwüre ganz!
Ihr würdet sie schon halten, wenn die zeit noch bliebe;
doch morschen Knochen ist nicht Spiel und Tanz,
das Halten solcher Schwüre nicht vergönnt.
Und ihr, ihr Jungen: Rühmt euch nicht der Weisheit,
die ihr doch nichts als eure Dummheit habt!
An euch ist's, dass ihr wie Naturgewalten,
dass ihr zur Tages-, Nacht- und auch zur Unzeit
ganz frei und dreist und dumm und ohne Halten
euch an des Lebens Freudenfülle labt.
Zuletzt noch: Sprecht nicht von Musik und Wein!
Bei euch kommt
nach dem Wein doch erst Gesang.
Oh, weh! Könnt ihr nicht still sein beim Gelage?
Und muss nun unbedingt gesungen sein,
dann lasset mir den Wein! Vielleicht ertrage
ich damit besser diesen groben Klang.
Was schmäht ihr mich? Wenn ich es sage:
Ihr könnt nicht singen. Unterdrückt den Drang!
Gedichte - Inhalt
Geliebte, wo bist Du?
Geliebte, wo bist Du?
Schon so lange warte ich auf Dich.
Ich warte, und die Zeit verrinnt.
Die Zeit, in der ich Dich nicht gesehen.
Lange waren wir uns nicht nahe.
Geliebte, wo bist Du?
Böse Worte gaben wir uns zum Abschied,
Worte des Streits, Worte der Trennung.
Unsere Herzen wollten wir trennen,
denn unsere Liebe sagten wir tot.
Geliebte, wo bist Du?
Ist Deine Liebe denn wirklich gestorben
und kalt Dein Herz, wo meines glüht?
Es brennt in Liebe zu Dir. Und lange
reuen mich schon die bösen Worte.
Geliebte, wo bist Du?
Einsam sind meine Tage nun stets
und scheinbar endlos mein Warten auf Dich.
Des Nachts finde ich keinen Schlaf.
Ohne Ruhe liege ich wach.
Geliebte, wo bist Du?
Willst meine Tränen Du fließen lassen,
die einst so oft mich hat getröstet?
So bleibe fern! Nur sage mir:
Wo bist Du, Geliebte? Wo bist Du?
Gedichte - Inhalt
Credo
Ich habe der Liebe abgeschworen
und glaube nicht mehr an das Glück.
Ich bin auch zur Treue nicht geboren.
Ich denke heute
noch nicht an morgen
und morgen nicht mehr zurück.
Ich nehme, was mir die Minute gegeben.
Die Tücken des Geschicks
verlach ich. Ich will gar nicht ewig leben.
Ich kenne kein Glück
nur Glücklichsein
und den Taumel des Augenblicks.
Ich liebe nur, was ich sehe und fasse
und Menschen nur während des Aktes.
Was kümmert es euch, was ich tue und lasse?
Dann seid doch moralisch!
Ich will meinen Spaß
und nehme mir mal etwas Nacktes.
Ich kenne eure Lebenssicht,
an die ich einst selbst geglaubt.
Doch kümmert mich euer Unmut nicht:
Ich hättet mit Sitte
und Moral
mir fast meine Jugend geraubt.
Was kann man im Jetzt mit hehren Ideen
wie Glaube und Ehre schon machen?
Man kann ja auch Liebe nicht fassen noch sehen.
So tauschte ich Liebe
gegen Begehren,
die Ehre ein für mein Lachen.
Das Jetzt ist mein einziges Ideal.
Kommt Zeit, kommt auch Verderben:
Das Bier von heute schmeckt morgen schon schal.
Ich lebe jetzt
und lache jetzt,
und lachend werde ich sterben.
Gedichte - Inhalt
Gegen die, die sagen
Gegen die, die sagen:
Man muss alleine gluecklich werden,
denn die Freuden der Zweisamkeit,
eine Liebe zu haben,
sei ein Bonbon, quasi optional.
Habt ihr nie erfahren,
wie euch die Einsamkeit die Seele zerreisst,
wie ihr schreit vor Schmerzen der Sehnsucht,
jemandem eure Liebe schenken zu duerfen?
Hat man euch nie gelehrt:
Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei?
Gegen die die sagen:
Dass eine Person stets nur EIN Mensch ist,
dass man als Paar,
als Liebespaar,
nicht mehr ist, als nur zwei Personen.
Habt ihr nie gehoert
das Maerchen von den geteilten Seelen,
die rastlos wandern, ihre andere Haelfte zu finden?
Kann denn die Scherbe der Krug sein?
Hat man euch nie gelehrt:
Und sie werden EIN Fleisch?
Gegen die, die sagen:
Man muss auf das Glueck warten,
auf die Liebe warten;
und sie kommt von alleine,
wenn man Geduld uebt.
Habt ihr nie gesehen,
wie einer auszog, und das Glueck fand,
wie einer mit Gott rang und ihm den Segen abtrotzte,
wie ein anderer starb ueber das Warten?
Hat man euch nie gelehrt:
Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, ihn suchen?
Gegen die, die sagen:
Ich solle ihnen glauben
in Liebesfragen
in Persoenlichkeitsfragen
in Schicksalsfragen.
Habt ihr nie verstanden,
dass ich nicht bin wie ihr, sondern einsam;
dass ich nicht bin wie ihr, sondern halb nur;
dass ich nicht bin wie ihr, sondern rastlos?
Hat man euch nie gelehrt:
SO war der Mensch erschaffen?
Gedichte - Inhalt