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Stephan Schmitz




Die Geschichte einer Nacht




Wahrlich, ein'ge Stunden sind nur kurze Zeit,
vergleicht man sie mit einem Menschenleben!
Doch oftmals ist so viel von unserem Sein und Streben
in einer kürz'ren Zeit noch zur Entscheidung schon gebracht.

Denn über eines langen Lebens Freud und Leid
entscheidet manchmal nur ein Augenblick;
und was wir heute sind, ist oft, blickt man zurück,
nichts weiter als die Folgen der Geschichte einer Nacht.





Irgendwann einmal kommt jeder Mensch in das Alter, in dem das andere Geschlecht eine unüberwindbare Anziehungskraft auf ihn auszuüben beginnt und die spielerisch lockenden Handlungen einsetzen, die schließlich zur letztendlichen körperlichen Vereinigung und zum Eintritt in eine neue Welt führen. Dieser jedoch kann lange dauern, in welcher Zeit das gegenseitige Spiel - oftmals mit wechselnden Partnern - immer von neuem und weiterführend gespielt wird. In meiner Jugend traf man nun auf Veranstaltungen öffentlichen Vergnügens die weiblichen Personen in aller Attraktion und Verlockung herausgeputzt, als ob ihnen das letztliche Ziel öffentlich darzustellen gelegen war, eine Tatsache, die mich des öfteren in einen seltsamen Zustand halb körperlicher, halb geistiger Erregung versetzte, in welchem ich mich selbst mit all diesen Gespielinnen beschäftigt sah. Hin und wieder kam es vor, daß ich hernach noch die nächtlichen Straßen der Orte durchstreifte, um meine Gedanken zu ordnen und die Macht und Faszination der herausgestellten Weiblichkeit von mir abzustreifen. So auch in jener Nacht, als ein erneuter Anfall so stark gewesen war, daß ich den kühlen Regen kaum bemerkte, der durch meine Kleidung sickerte. Ich war schon eine ganze Weile gelaufen und befand mich in einem sehr dunklen Viertel. Hier, an einer Ecke, die ich nie wiedergefunden habe, überfiel mich plötzlich und übermächtig die Erinnerung an jene Ereignisse, die ich hier berichten möchte, da sie mich vormals schon von meinem seltsamen Geisteszustand hätten heilen sollen. Ich habe in meinen Jahren andere Männer mit diesem Leiden gesehen, die sichtlich von Begegnung zu Begegnung mit den angesprochenen Weibspersonen ihre Kraft verloren, bis sie schließlich der Verlockung anheimfielen. Sie näherten sich also den jungen Damen - doch ach, gar zu oft ward das Spiel mit hohem Einsatz um geringen Lohn gespielt, und so manchem blieb zuletzt nur das Gespött Leute ob seines Mißerfolges. Schlimmer allerdings ging es denen, die wirklicher Verführung erlagen. Sie reizten in diesem Spiel bis zum letzten, darüber gar, da war nicht mehr lockendes Wechseln und Zweideutigkeit, sondern war brutaler Angriff und ekstatische Geschwindigkeit - doch an dem neuen Leben, das es zu entdecken galt, flog man in der sonst oft gepriesenen Wildheit der jungen Jahre vorüber. Freunde (auch solche) meiner Person blieben bis ins Alter in der Besessenheit der Jugend befangen, und jeglicher Kampf, welchen ich noch für ihre Seele führte, indem ich mich um Aufheiterung der so Bedrückten bemühte, war umsonst; mußte umsonst sein, wenn das Leiden sie endgültig erfaßt hatte. Auch ich, lieber Leser, war diesem Abgrund nahe gewesen, näher, als in jener Nacht, da ein kalter Regenguß mich schließlich doch wieder in die Wirklichkeit zurückrief. Nein, mein glühen war stärker gewesen, als das Wasser es hätte kühlen können, lachhaft zudenken, es gar zum verlöschen zu bringen; es brannte in meiner Seele zu heftig. So stark umklammerte dieser Wahn mein denken, daß selbst der fast sichere Sturz ins Verderben de Glücks ihn mir nicht völlig geheilt, wenn auch abgeschwächt hat. Ich war dem Abgrund nahe gewesen, so nahe, daß ich es bis in jener Nacht, an der Ecke einer dunklen Straße, irgendwo, verdrängt hatte, daß ich vergessen hatte, welche Einblicke mich im letzten Moment auf andere Wege geführt hatten. Ich kämpfte später, diejenigen, die diesen letzten Wendepunkt passiert hatten, aus ihrer Depression zu reißen. Mich selbst rettete damals nur, was ich selbst immer als Schwäche zu betrachten neigte: meine Schüchternheit. Erfahre also nun, lieber Leser, meine Geschichte:

Was ich berichten will, ereignete sich in den Jahren meiner frühen Jugend, gerade in jener Zeit, da man sich als junger Mensch in der Gesellschaft der Freunde umhertreibt und derben Späßen ebenso wie dem Tanz, auch so dem Alkohol zuspricht. Auch ich, wenngleich ich in dieser Hinsicht ein Nachzügler war - oben nannte ich es schüchtern, doch wäre wohl zurückhaltend ein besseres Wort oder gar unentschlossen - verglichen mit der Maßlosigkeit anderer. Ich hielt mich beim Alkohol nach bestem Bemühen zurück, auch verletzten wohl gewisse Derbheiten eine in mir vorhandene feinfühlige Saite. Dennoch war ich wohlgelitten im Kreise der Freunde, da ich gerne lustig bin und diese Gesellschaft so recht voller Leben und Spaß war. In meinem Heimatort, ebenso wie in der Umgegend, waren wir auf jedem Ball zu finden, wenn auch nicht immer gerne gesehen. Ich sprach von meinen Freunden, und ich nenne sie mit Bedacht Freunde. Denn wiewohl ein Gast, der so recht zu leben wußte schnell in unseren Kreis aufgenommen war - und ebenso schnell wieder verabschiedet wurde - als Gast wie einer von uns behandelt wurde, so waren es doch nur wenige, die den Kern und das Herz dieses Vereins ausmachten. Unter diesen befanden sich auch die schon Erwähnten, die später unglücklich wurden und es blieben (obgleich sie nunwohl integre und erfolgreiche Männer zu sein schienen), was mich persönlich um so mehr schmerzt, da wir nicht nur für die wilden Jahre unserer Jugend Freunde waren, sondern schon als solche zusammen aufgewachsen waren. Mit diesen mir heute so fremd erscheinenden Leuten hatte ich als Kind die Wälder meiner Heimat durchstreift (selbstverständlich war es uns streng verboten gewesen, in den Wald zu gehen), Baumhäuser gebaut, Ball gespielt und auch diesen und jenen Unfug angestellt, den wir hernach wieder ausbaden mußten. Kurz, wir hatten zusammen eine unbeschwerte Kindheit erlebt. Doch dann begann die Zeit, als meine Spielkameraden die Mädchen, die bis dahin nur Opfer für unsere Streiche gewesen waren, mit anderen Augen zu sehen begannen. Schon bald war es ebenso ihr Interesse, hier auf Entdeckung zu gehen, wie es zuvor mit den Wäldern gewesen war. Plötzlich schienen auch Mädchen etwas Verbotenes zu sein, das es dennoch zu erkunden und zu erforschen galt. Das anfängliche Mißtrauen und die Ablehnung der Mädchen verstärkte noch diesen Eindruck und reizte so natürlich die Neugierde meiner Freunde aufs Äußerste. So machten sie sich auf zu neuen Erkundungen.
In dieser Zeit - so sehe ich es heute - endete unsere Kindheit und die wilden Jahre begannen. Gleichzeitig wurde ich zu dem "Nachzügler", der ich für einige Jahre bleiben sollte, denn mein Interesse am anderen Geschlecht erwachte erst wesentlich später, und so beschäftigte ich mich wohl ein Jahr oder länger damit, meine Freunde noch gelegentlich zum Ballspiel zu nötigen; ein Unterfangen, das letztlich auch dadurch immer schwieriger wurde, daß die Mädchen - die der ständigen Umwerbung bald durchaus zugetan waren und sich manchmal auch sehr wichtig deswegen vorkamen - daß die Mädchen also unser Spiel als "kindisch" abtaten. Und sie, deren Wort uns zuvor kaum etwas gegolten hatte, hatten nun - so schien es mir - einen solchen Einfluß gewonnen, daß sich die gemeinsamen Aktivitäten meiner Freunde bald ganz auf die Tanzabende konzentrierten, wohin ich sie in schöner Regelmäßigkeit begleitete. An anderen Abenden wiederum saß ich alleine irgendwo herum und grübelte über die Welt im allgemeinen und im Besonderen über die Faszination, die Frauen und Männer aufeinander ausüben, nach. Während ich mich bei all dem noch für einen "objektiven" Philosophen hielt, bemerkte ich nicht, wie sich diese Faszination auch in meine Gefühle einschlich und mich schließlich tiefer erfüllte, als ich mir zu diesem Zeitpunkt eingestehen wollte. Doch ich begann nun auch, die Mädchen mit Interesse zu beobachten. Dies jedoch - wohlgemerkt - zu einer Zeit, da einige meiner Freunde tatsächlich schon anfingen, mit ihnen zu poussieren. Doch sollte man hier nun doch von jungen Damen sprechen, denn spätestens mit einem solchen Schritt ist auch für ein Mädchen die Kindheit zu Ende... Jedenfalls boten sich genügend Beobachtungsobjekte und Anstöße für meine Grübeleien. Darüber hinaus war auch eines aus dem Munde meiner Freunde selbst zu entnehmen, wenn der Abend nur spät war, und sie reichlich Alkohol genossen hatten. In Gegenwart der jungen Damen hielten sie sich bedeckt, waren diese jedoch abwesend (was selten genug vorkam), so kursieren Gerüchte und Andeutungen, die selbst von den Unverfrorensten nur leise weitergegeben wurden.
An einen solchen Abend erinnere ich mich besonders deutlich, denn es war um diese Zeit meines Lebens - die ich heute noch auf einige Wochen genau angeben kann - da sich die Krankheit, diese Lust, attraktive Weiblichkeit zu erkunden, erforschen und ihre Aura erfahren zu wollen, bei mir zeigte. Diese Leiden, das sich dann rasend schnell entwickelte und anfallsweise so stark werden sollte, daß es mich bis in meine Träume verfolgen würde. Bald schon sollte sich die Faszination bei mir einstellen, diese Faszination, die einen Menschen beherrschen kann und die, wenn sie sich auf eine Person konzentriert, Liebe genannt wird. Doch uns Jungen war wahre Liebe - alldieweil viel darüber geredet wurde - fremd, wenn ich es heute vernünftig betrachte. Uns - denn allein war ich nicht, sondern vielen ging es so - beherrschte die Faszination, ein generelles Interesse an Mädchen. So manchem Leser, egal ob Mann ob Frau mag dieser Zustand eventuell noch aus eigener Jugend anschaulich sein. Ich erinnere mich jedenfalls - ich erwähnte es schon - noch sehr genau daran.
An dem bestimmten Abend, den ich hier als Beispiel für andere berichte, stimmte wohl auch das Wetter mit meiner allgemeinen Stimmung überein. Es war schwül, geradezu unangenehm, daß es einem den Schweiß heraustreiben wollte, und so fühlte ich mich in hochgradiger Weise körperlich angerührt, so daß sich meine sonstige gedankenvolle Melancholie so gar nicht ergreifen wollte. Es galt, einen Geburtstag zu feiern, zu diesem Zweck waren alle Freunde zu einem Gartenfest eingeladen, jedoch durch einen seltsamen Zufall nur sehr wenige der jungen Damen anwesend. Ich traf üblicherweise zu spät ein und erreichte das Fest gerade bei Sonnenuntergang, was an einem Sommerabend sicherlich nicht zu pünktlich ist. So wurde ich dann auch vom Gastgeber mit dem scherzhaften Vorwurf begrüßt, ich wolle wohl noch nicht betrunken sein, wenn das Gewitter, daß sich wegen der Schwüle zweifellos für die Nacht ankündigte, hereinbreche. Nun, es war schon reichlich Alkohol geflossen und ich zögerte nicht, mich sowohl dem Scherz wie auch dem Trinken zuzutun. Die anwesenden jungen Damen bildeten, wie man es bei solchen Gelegenheiten oft sieht, eine Gruppe für sich, so daß wir mit den Freunden unter uns waren. Als sich später tatsächlich ein unmittelbar bevorstehendes Gewitter ankündigte, brachten diejenigen, die in Begleitung erschienen waren, ihre Mädchen nach Hause, der Rest der Gesellschaft rückte enger zusammen, und es begannen die Geschichten, die nur bei solchen Gelegenheiten zu hören sind. Als schließlich nur noch vier oder fünf Leute da waren, hörte ich auch, zum erstenmal mit der Offenheit, die enorm Betrunkenen eigen ist, von dieser Sache, der letztendlichen körperlichen Sache zwischen Mann und Frau. Wir waren eine offene und freie Jugend, doch von unseren Eltern nur wenig aufgeklärt, so war auch dies kein öffentliche Thema für uns. Doch in jenen geheimen Runden, versuchte man, sich mit Geschichten zu überbieten, prahlte, wie einst beim Ballspiel so auch nun bei den Damen gewonnen zu haben, ein Wettbewerb - noch dazu im Vollrausch - der Dinge offenlegte die nur jemand erzählen konnte (so meinte ich), der schon wußte, daß er am anderen Morgen die Erinnerung daran verloren haben würde. Vieles lief um an diesem Abend, zunächst war ich belustigt, dann hochinteressiert, doch die Erzählung des einen, des faszinierendsten und ekstatischsten, traf mich wie ein Schlag, da es mir mit einemmal klarmachte, worauf mein ganzes Philosophieren, die langen Grübeleien hinausliefen. Es war tatsächlich so, einer der älteren unter den Freunden hatte das Ziel erreicht, hatte sein Mädchen... Als schließlich das Unwetter losbrach und die Gesellschaft sprengte, während ich durch den strömenden Regen nach Hause rannte, keimten in mir die Gefühle, die mich dann noch lange Jahre verfolgen, schließlich auch quälen sollten. Was vielleicht schon lange herangereift war, brach nun heftig hervor und wuchs schließlich über sich hinaus, um zu einem Antrieb zu werden, den ich selbst nicht akzeptierte, dem ich aber dennoch immer wieder unterlag. Den ersten und konkretesten Effekt jenes Abends erzeugte allerdings das Gewitter, denn anderntags hatte mich eine Erkältung gepackt, die mich für eine lange Woche aufs Bett warf.
Diese Woche im Bett gab mir reichlich, zu reichlich Zeit zum nachdenken, auch träumte mir im Fieber so dies und jenes, was ich lieber nicht gesehen hätte. Die Krankheit meines Körpers gereichte meinem Geist nicht gerade zur Genesung, sondern gab meinen Gedanken Zeit sich zu entfalten - verworrene Gedanken ohne Zweifel, es ging darin um Frauen und Männer, um Küsse und Berührungen, um Dinge die ich nicht erzählen kann, und immer wieder um das Eine und Einzige, die Finale und einzige Bestimmung, so meinte ich damals, der geschlechtliche Wesen nun unterworfen seien, der Berührung der Körper, der Verschmelzung, für die es kein gesellschaftsfähiges Wort gibt, da sie nicht Teil des gesellschaftlichen Lebens, sondern nur Angelegenheit zweier Herzen ist. So träumte ich, und als ich schließlich genas, verschwanden diese Gedanken nicht mit der Krankheit, sondern meine neu einsetzende Aktivität schwächte sie nur ab, verdrängte sie über Tage, aber nur wenig des Nachts. An dieser Stelle endet für einen Zeitraum, den ich nicht mehr kenne, meine klare Erinnerung, an die Ereignisse meiner Jugend, was ich einer leichten körperlichen und geistigen Verwirrtheit zuschreibe, die daher rühren mochte, daß ich mich nun daran gewöhnen mußte, anders zu fühlen als noch zuvor. Es muß eine Zeitlang gewesen sein, doch wiederum nicht so lange, daß sich die äußeren Umstände meines Lebens stark veränderten. Was ich noch weiß ist, daß ich mich hervorragend und ausgelassen fühlte, und die Aufregung genoß, die ich bald beim Anblick einer jeden attraktiven Dame empfand, nebst Gefühlen, die ein vernünftiger Mensch einem einzigen anderen Menschen oder aber dem Höchsten vorenthalten sollte. („Wirklich faszinierend zu spekulieren, was man mit seinem Mädchen anstellen kann, das sie alleine nicht kann, und verführerisch zu denken, was Frauen mit ihren Männern machen Könnten.“) Kurz, ich lebte im Rausch dieser Gefühle, die mich damals noch nicht belasteten, außer hinsichtlich meiner Bemühungen - die sich jetzt natürlich einstellten -, bei den jungen Damen zu landen. Oben erwähnte ich es schon, nun sage ich es klar: Die Damen warteten geduldig, daß man um sie werbe, doch ich brachte nie den Mut auf, etwas wie eine Mauer in mir hinderte mich immer daran, sie anzusprechen. So blieb ich zu meinem Leidwesen einsam, im Gegensatz zu den meisten meiner Freunde, die geradezu darin wetteiferten, sich in dieser Disziplin zu überbieten. Aller der Paare, die sich bildeten und wieder zerfielen, kann ich mich unmöglich entsinnen, doch gibt es einen Punkt, an dem meine Erinnerung wieder klar wird, und zwar mit dem Tag, als Nadja auftauchte. (Selbstverständlich wurde, um die junge Dame nicht zu diskreditieren, der Name geändert.)
Sie war mit ihrer Familie zugezogen - aus irgendeiner städtischen Gegend - hatte sich mit ein oder zwei von den Mädchen angefreundet und war von diesen auf einen Ball geschleppt worden, um sie in die örtliche Jugend einzuführen. Auf ebendiesem Ball traf ich sie zuerst. Ich wurde bereits am Eingang von einem meiner Freunde informiert, daß wir „Nachwuchs bekommen“ hätten (der Mensch war sturzbetrunken). Da ich, wie üblich, nicht unwesentlich zu späte kam, stand sie bereits in einer Gruppe und unterhielt sich. Also steuerte ich die Gruppe an, um sie mir anzusehen. Als ich hinzutrat blickte sie mich (wie die anderen auch) an ... und ich verliebte mich sofort in sie.
Selten wird jemand, auch ein guter Freund nicht, erleben, daß mir vor Schreck oder Staunen der Atem stockt, so daß ich sprachlos dastehe und kein Wort herausbringe. Egal welche Gefühle ich nun den attraktiven jungen Damen gegenüber hatte, die sich nun wirklich herausputzten, damit sie umworben würden, hat es doch nie eine, außer eben dieser, fertiggebracht, daß mir die Worte fehlten und ich mich Hals über Kopf verliebt hätte. Und nun stand ich also einem Mädchen gegenüber, das im Vergleich zu den anderen eher unauffällig gekleidet war, und registrierte dabei nicht einmal ihre Attraktivität, sondern sah nur ihr Gesicht und war sprachlos. Kein Zweifel, sie war das schönste Wesen, das ich bis dahin gesehen hatte, ohne daß ich imstande wäre zu erklären warum. Der Leser möge sich eine beliebige junge Dame suchen, die er für leidlich attraktiv hält, so hat er eine Vorstellung davon, wie Nadja - so hieß sie, wie ich dann erfuhr - auf die meisten Leute wirkte; er möge auch nach einer Erklärung suchen, warum nun jemand diese junge Dame für überirdisch schön halten sollte. Hierfür wird er keinen Grund finden können. Doch genauso fühlte ich, zumal, als wir uns anblickten, ein Lächeln ihre Lippen umspielte, daß ich auch später nur selten bei ihr gesehen habe und welches ihr überirdische Schönheit verlieh. Später einmal erzählte sie mir, was der Grund für diese Lächeln gewesen war: Daß nämlich es ihr ähnlich ergangen war wie mir, und sie sich in mich verliebt hatte. Doch war sie ein Wesen von großer Selbstbeherrschung, so daß es ihr gelang, ihre Aufregung zu verbergen; obwohl das nicht schwer war, da ich durch mein Verhalten zur genüge die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf mich gezogen hatte. Ich starrte sie nämlich immer noch sprachlos an, was einigen der Umstehenden aufzufallen begann. Auch sie merkte jetzt wohl, daß sie mich offenbar beeindruckt hatte, denn ihr Lächeln wurde noch eine Spur intensiver. Dann endlich gelang es mir, die peinliche Situation zu beenden und sie anständig zu begrüßen, allerdings nicht ohne große Aufregung. Da sich bereits Sticheleien von Seiten meiner Freunde ankündigten, vermied ich dann schweren Herzens für den Rest des Abends ihre Nähe. Denn solche groben Scherze, die man in diesen Situationen zu machen pflegt, können leicht peinlich werden und dann eine frische und erst erwachende Liebe im Keim ersticken, indem sie sie gleich im voraus lächerlich machen. Ich hatte bei ähnlichen Gelegenheiten beobachtet, wie Beziehungen nicht entstanden waren, weil man sie zu früh und zu grob öffentlich deklariert hatte, so daß die Partner wieder Abstand voneinander nahmen, da die Situation für sie unangenehm war. Um also Nadja nicht abzuschrecken (und weil ich selbst Angst vor Sticheleien hatte), mußte ich jeden Anlaß für solche Scherze vermeiden, doch war mir hierdurch auch der Abend vergällt, da es mich natürlich in ihre Nähe treiben wollte. Ich ging früh, und in der Nacht träumte ich wild und unzusammenhängend von ihr.

Ich will nicht auf alle Einzelheiten eingehen, die uns in den folgenden Wochen näher zusammenbrachten. Da wir uns beide - ohne das jeweils vom anderen zu wissen - genauer kennenlernen wollten, waren wir in kurzer Zeit gute Freunde geworden. Doch sosehr ich auch damit glücklich war , sie nun öfters in meiner Nähe zu haben, so fehlte mir doch nach wie vor der Schneid, auch eine körperliche Nähe zu schaffen. Ich liebte sie, und begehrte sie mit all meinen Kräften, doch die reichten dann wieder nicht aus, den entscheidenden Schritt zu tun. In ihrer Abwesenheit litt ich Höllenqualen, ich glaubte aus zwei Personen zu bestehen, die sich in mir lautstark stritten und meinen Kopf zu sprengen drohten. Meine verzweifelte Sehnsucht, die mich anbrüllte, doch endlich klare Verhältnisse zu schaffen, meine Angst davor, abgewiesen zu werden, die dagegen sprach, die Vernunft, die eine ganz klägliche Rolle spielte. Dazu meine Phantasien, die durch meinen desolaten Geisteszustand noch verstärkt die Faszination, welche nun diese einzige Frau auf mich ausübte, ins Unendliche trieben, zu orgiastischen Vorstellungen von Rausch und Verschmelzung, dadurch den Nichtbesitz, die völlige Unfähigkeit, etwas zu tun, nahezu unerträglich machten. Mein gesamtes Denken und Fühlen drehte sich um sie, es dauerte nicht lange, und mir wurde klar, daß meine so geliebte Faszination für das Weibliche in Wirklichkeit eine Krankheit war, die mich auffraß. Als mir aufging, daß gerade diese Phantasien, die Idee mit ihr das Eine zu tun, immer daran zu denken, daß gerade dies mich wegen seinen völligen Unmöglichkeit (schließlich war ich ein Verlierer in diesem Spiel) daran hinderte, auf sie zuzugehen ... Als mir das klarwurde, verfluchte ich zum erstenmal meine ausschweifenden Träumereien. Nun lebte ich also gut befreundet mit dem Mädchen, das ich liebte, und sah zu, wie langsam der Zeitpunkt näher kam, an dem aus einer solchen Beziehung keine Liebesgeschichte mehr werden kann, weil man sich einfach zu lange und zu gut kennt. Ich sah es mit Entsetzen und war doch zu feige, es zu ändern, wofür ich mich selber haßte. Ich erwartete, daß diese Geschichte zu Ende ging... und doch kam es nicht so. Einas Tages machte sie den ersten Schritt, nahm mich einfach in den Arm und küßte mich.
Es war kein großer romantischer Kuß, nur eine zärtliche Lippenberührung - und dennoch ein eindeutiges Zeichen, das uns die Richtung für die Zukunft wies. Das Chaos, das dieser Kuß in mir anrichtete ist unbeschreibbar. Selbst hier und heute kann ich es unmöglich nachvollziehen, es müssen alle die vorherigen Empfindungen im positiven Sinne dabeigewesen sein. Plötzlich brachen auch meine Hemmungen zusammen und ich war in der Lage, nun auch sie festzuhalten, und ihren Kuß zu erwidern. So nun auch von meiner Seite ein Zeichen für uns. Als sich unsere Lippen wieder voneinander lösten, lächelte sie wieder ihr unnachahmliches Lächeln. Unnötig zu erwähnen, daß mein Glück vollkommen war. Mit einemmal war mir nun klar, daß sie sich längst für mich entschieden hatte. Nun konnten wir uns also als Paar treffen und der Welt zeigen, daß wir zueinander gehörten. Keine Stichelei von Unverbesserlichen konnte uns berühren, keine Seelenqualen mehr mich antasten. Mit diesem einen, kurzen Augenblick, dem ersten von vielen Küssen, begann mein absolutes Glück. Plötzlich, in der Folgezeit, konnten wir ganz anders miteinander reden, hatten neue Dinge nun offen vor Augen. Eine faszinierende - und wohl für jeden, der sie erlebt hat, einmalige - Entwicklung setzte ein, die uns immer näher zusammenbrachte, uns intimer und gefühlvoller werden ließ. Unsere Küsse wurden mit der Zeit länger und intensiver, Umarmungen, das gegenseitige Halten fester. Wenn wir eng umschlungen irgendwo standen, konnte ich unter ihrer Kleidung die Formen ihres Körpers ertasten, und es zeigte sich, daß sie - was ihren Körper betraf - sehr selbstbewußt und Erkundungen gar nicht abgeneigt war. Eines Tages erlaubte sie mir sogar, kurz über ihre Brüste zu streichen, während sie mit geschlossenen Augen dastand und aussah, als lausche sie einer leisen, aber wunderschönen Melodie. Ähnliche Erkundungen stellte sie auch bei mir an.
So entwickelte sich unsere Beziehung, das gehört hier nicht in allen Einzelheiten beschrieben. Denn schließlich ist es nicht Sinn und Zweck dieser Zeilen, intime Details der heutigen oder gestrigen Jugend preiszugeben, sondern es soll ehrlich auf die Entwicklung meines Geisteszustandes aufmerksam gemacht werden. So hoffe ich, daß die obigen Zeilen zur Genüge gezeigt haben, daß ich seit langem wieder restlos glücklich war. Zumindest für einige Zeit, bis zu dem Abend, der mich endgültig aus dem Bannbereich meiner Krankheit herausholte, nicht ohne mir vieles zu zerstören. Denn er nahm mir nicht nur meine unschuldige, ferne und doch so phantasievolle und blühende Betrachtungsweise der Dinge, sondern versetzte mich auch längere Zeit in den Glauben, ich hätte nun durch meine geistigen Auswüchse die Fähigkeit verloren, jemals für eine Frau aufrechte und wahre Liebe zu empfinden. Was auch immer ich für Nadja fühlte, die wirkliche Liebe lernte ich erst später kennen, konnte sie erst später kennenlernen - denn das ist ja das Schicksalhafte an meiner Geschichte und die wahre Gefahr meiner Krankheit gewesen -, nachdem einige kurze Augenblicke in der Nacht, deren Erzählung dieses ist, mich von dem Abgrund zurückrissen, den ich damals nicht einmal bemerkt hatte. Denn mit unserer Beziehung waren zwar die Phantasien, die mich gequält hatten, nicht verschwunden, doch glaubte ich sie nun in geordneten Bahnen zu führen, sie zu kontrollieren, da sie sich nun um dieses eine Mädchen, das sie vielleicht eines Tages wahr machen würde, drehten. Das fatale an dieser Einstellung - ich war blind oder geblendet, es nicht zu sehen- war, daß ich nicht mehr versuchte, die Bilder, die sich mir nun in schlaflosen Nächten aufdrängten, zu kontrollieren, sondern meinem kranken Geist freien Lauf ließ, sie ausufern ließ und diese auch noch für schöne Träume hielt. Nadja, sie wußte nichts von alledem, ich habe vor der Nacht, in der sie schließlich gesehen hat, was mich beherrschte, nie mit ihr darüber gesprochen und meine Schüchternheit oder Unentschlossenheit, die Mauer in meinem Kopf hinderten mich immer daran, sie irgendwie unanständig zu berühren. Doch auch zu einem Bericht wie diesem brachte ich damals nicht den Mut auf. Ich hole noch einmal tief Luft. Es geht um diese Nacht.

Es war wiederum auf einer Tanzveranstaltung, im eigenen Ort, so daß für die örtliche Jugend eine Art Ehrenpflicht zur Anwesenheit bestand. Wie üblich war ich an dem Abend zu spät. Ich hatte gar nicht erst versucht, Nadja abzuholen, sondern kam sofort zum Ballsaal. Es ist immer wieder interessant zu solchen Gelegenheiten zu spät zu kommen, da es sich lohnt, kurz in Betrachtung der vorgefundenen Situation zu versinken, und so zum Beispiel mit nüchternem Auge die Konsequenzen des Alkoholgenusses zu begutachten. Einerseits die unangenehmen, repräsentiert durch die grölende Horde der Sturzbetrunkenen, doch viel interessanter sind die Damen. Solche, die ursprünglich nur attraktiv sein wollten und nun in Koketterie verfielen oder zu offener Werbung übergingen, aber auch die schon zu Anfang erwähnten jungen menschlichen Köder, die mich später noch öfters außer Fassung bringen sollten. Schließlich war dies mein Grund, das hier niederzuschreiben. An jenem Abend allerdings sah ich all das nur mit einem halben Auge auf der Suche nach Nadja, die ich schließlich im Kreise ihrer Freundinnen fand. Auch sie hatte bereits etwas getrunken, doch offensichtlich nicht viel, denn sie war relativ normal, verglichen mit einigen der umstehenden jungen Damen, die bereits reichlich albern wurden. Auch hier war es so, daß einige sehr attraktiv herausgeputzt waren, jedoch ich hatte nur Augen für Nadja. Sie war wirklich atemberaubend, in einem knielangen einteiligen blauen Kleid, daß mit einem Band um die Hüfte gehalten wurde, so daß es sich ihren Formen anpaßte, einer nett aufgesteckten Frisur, aber vor allem wieder diesem einen speziellen Lächeln auf den Lippen. Es wurde ein toller Abend. Wir tanzten einige male, sie unterhielt sich, ich unterhielt mich, sie scherzte mit meinen Freunden, trank noch etwas, ich ebenso. Dann tanzten wir wieder eng aneinander, küßten uns und redeten dann wieder mit unseren Freunden. Als wir uns kurz aus den Augen verloren ging ich nach draußen auf den zu dieser Stunde sehr einsamen Vorplatz, um etwas frische Luft zu bekommen. Hier trafen wir uns zufällig, als ich gerade im Begriff war wieder hineinzugehen.
Wir küßten uns zur Begrüßung - schließlich hatten wir uns einige Minuten nicht gesehen - dann ... hielten wir plötzlich mitten im Kuß inne... so als wäre uns etwas eingefallen und sahen uns in die Augen. Etwas war anders als zuvor, dieser Blick war tiefer, intensiver, in ihren Augen stand ein seltsames Glänzen, so daß ich glaubte hineinzufallen ... Plötzlich drängte sie sich an mich - ich konnte ihre Brüste spüren - und wir küßten uns und preßten uns aneinander, als gelte es zu verschmelzen. Einen Blick noch erhaschte ich auf sie, wie sie mich (mich!) küßte, mit geschlossenen Augen und einer Hingabe, die ich noch niemals so im Gesicht eines Menschen gesehen hatte; dann schloß auch ich die Augen und spürte nur noch ihren Mund, ihre Zunge , ihren Körper, der sich an mich preßte und den ich nun noch stärker an mich zog, ihre Brüste auf meinen, ihre Hüfte an meiner. Der Kuß dauerte eine Ewigkeit, und erst als wir uns wieder etwas voneinander lösten, merkte ich, daß ich ihr tatsächlich unters Kleid gegriffen hatte und nun den letzten dünnen Stoff über ihrem Po strichelte. Im ersten Augenblick wollte ich meine Hand zurückziehen und mich entschuldigen doch ... die Art, wie sie sich jetzt mit geschlossenen Augen an mich schmiegte, zeigte mir, daß sie es genoß, und so warf ich nur einen vorsichtigen Blick in die Runde und überzeugte mich, daß wir allein auf dem Platz waren. Sie blickte mich an , mit feuchten Augen (es müssen wirklich Tränen gewesen sein) und einem Ausdruck, den ich nicht beschreiben kann. Dann sagte sie leise: „Laß uns gehen!“ und ich nickte. So verließen wir den Platz, Arm in Arm und eng aneinander geschmiegt. Für die zehn Minuten zu ihr nach Hause müssen wir fast eine halbe Stunde gebraucht haben, denn wir stoppten immer wieder an dunklen Stellen, oft auch mitten auf der Straße, um uns erneuten Zärtlichkeiten zu widmen. Doch schließlich waren wir bei. Alleine, denn auch ihre Eltern waren beim Tanzabend.

„Wirklich faszinierend zu denken, was man mit seinem Mädchen alles anstellen kann ...“. Waren das meine Worte gewesen? War ich das gewesen, der es eines Abends mit vollem Kopf einem Freund ins Ohr geraunt hatte? Ja, ich war es gewesen, der besessen vom Ge danken ans Weibliche, von meiner Krankheit, die ich in solcher Stärke, wie ich sie erlebt habe, immer noch als Krankheit betrachte, da sie den Verstand überrumpelt, ich also war es gewesen, der alle Möglichkeiten, die ich erdenken konnte spekuliert hatte. In schlaflosen Nächten, wilden Träumen, Versonnenheit am Tage, Besessenheit in der Nacht hatte ich versucht, mir dies und jenes vorzustellen, Gefühle mit meinem Geist zu erzeugen, die nur eine anderer Mensch wirklich erwecken kann. Ich hatte mit brennenden Ohren den vorsichtigen und leisen ebenso wie den lauten offenen Erzählungen der erfolgreichen Liebhaber gelauscht. Ich hatte mir Bilder von eindeutigen Situationen vorgestellt, mir Körper vorgestellt, mir Berührungen vorgestellt, sogar versucht mir das Eine vorzustellen. In dieser Art war mein Leiden gelaufen, hatte sich entwickelt und gesteigert bis ich wirklich krank war, keinem Mädchen mehr ohne Hintergedanken begegnen konnte. Doch offensichtlich hatte ich das alles vergessen. Ich war mit Nadja alleine, bei ihr, der Leser weiß, was zuvor passiert war, doch mir war überhaupt nicht klar, in welch pikanter Situation wir uns nun befanden. Im Gegensatz zu der Zeit, von der ich gerade berichtete - in der dies alles in Wirklichkeit so fern gewesen war - spekulierte ich nicht einmal mehr für die nächsten fünf Minuten. Das einzige, was ich fühlte, war eine seltsam neu erscheinende Aufregung, die von mir Besitz ergriffen hatte, und der ich gewahr wurde, als wir uns nun wieder aneinander drängten und uns rückhaltlos küßten. Wir waren ja alleine, keine Vorsicht war nötig. Meine Lippen lagen auf den ihren, unsere Zungen spielten miteinander, zuerst langsam, dann immer heftiger, schließlich mit wahnsinniger Tiefe und Wildheit. Dann lösten sich unsere Gesichter voneinander und sie blickte mich mit einem seltsam begehrenden Glanz in den Augen an, und daraus erst ersah ich, woran sie dachte und bekam eine Idee von dem, was passieren sollte, begriff, daß dieses Lächeln ihrer Lippen, der Ausdruck in ihren tiefen weiten Augen mir nun die Erlösung von meinen Träumen versprach. Diese Erkenntnis traf mich völlig unvorbereitet, während ich erst bemerkte, daß sich hier die Angelegenheit zweier Herzen zur Sache zweier Körper - meines und ihres Körpers - entwickelte, trat sie, die das wohl schon länger ahnte oder gar wußte einen Schritt zurück, löste das Band ihres Kleides und zog sich dieses mit zwei schnellen Griffen über den Kopf. „Komm!“ sagte sie leise, als sie nun vor mir stand, nur noch in dem Rest Stoff, den ich schon zuvor über ihrem Po gestreichelt hatte, dieses „komm“ sagte sie, von dem man immer wieder hört, ein Lockruf, mit dem eine Frau zeigt, daß sie will, daß sie das Eine erwartet. Diese zeigte mir nun meine Gefährtin, meine Liebe, sie, Nadja... und ich kam, wollte auf sie zutreten, sie berühren, wie sie dastand, sie überall berühren, streicheln drücken, tiefer, inniger als jemals, doch, dann kommen plötzlich die Gedanken wieder, quälende, nur kurz verdrängte Phantasien, Rausch und Verschmelzung, wilde Lust, meine Krankheit. Sie bricht auf und überschwemmt mich, ertränkt mich in einer Flut von Gefühlen und Gedanken, ich kenne es, ja, ich weiß, was zu tun ist, da steht sie, bereit mich zu heilen, ich soll alles abschütteln, frei sein für immer, für mich. Aber was für sie, da ist sie, sie will es, sie wartet, ich sehe ihre Augen, die Brüste, ich könnte sie berühren, sie wird es mögen, tu den Schritt! Nimm sie! Doch dann wieder die Mauer, ich konnte sie nicht küssen, sie hat es getan, sie hat mich hierher gebracht, dieser Blick von ihr, ist das Wahnsinn? Die Blockade in meinem Kopf, ich kann den Schritt nicht tun, es ist zu früh, zu schnell, was wird aus uns, ich will nicht in ihren Körper, ich kann sie doch nicht verletzen, ich habe zuviel daran gedacht, zu viele Nächte wach gelegen, zu viele von den jungen Damen studiert, zu vielen Geschichten gelauscht, zuviel getrunken. Diese ganzen krankhaften Gedanken, die ich habe, ich kann sie nicht freisetzen, ich kann nicht tun, was ich mir gewünscht habe, ich will es nicht so, es muß anders sein, sie ist doch nicht einfach ein Weibchen, aber hier geht es doch nur um Mann und Frau, oder ist da mehr? Daran habe ich nie geglaubt. Und nun macht sie einen Schritt, kommt auf mich zu, berührt mich ganz sanft, ich sehe wieder diese Lächeln, spüre ihren Atem, merke, wie es mich zu ihr zieht, ich fallen will. Die Verzweiflung bricht nun endgültig aus mir heraus, ich will ja, ich kann, ich kann nicht doch, ja, nein, ja, nein, ja, nein, ...

Allerdings heilte mich diese Nacht von meiner Krankheit, aber es war eine harte Lektion. Dennoch schätze ich mich glücklich und preise mein Geschick, verglichen mit denjenigen meiner Bekannten, die auf dem Weg in die Zukunft am rechten Tor vorbeigegangen sind, und die noch heute in schlimmen Maße gewissen attraktiven Verlockungen unterliegen. Für sie habe ich immer ein Lächeln, denn ich weiß, daß ein solches für kurze Zeit auch düstere Seelen erhellen kann. Und ich verstehe ihre Düsterkeit gut, denn ohne meinen damaligen, gerade geschilderten geistigen Orkan, wäre ich heute einer von ihnen. So verdanke ich Nadja meine Heilung.
Doch der Leser wird noch wissen wollen, welche Lektion ich lernte, da mich beim Anblick einer Frau die Verzweiflung packte. Überwand ich mich selbst und trat in das neue Leben ein? Oder hatte ich die Flucht ergriffen, sie wie sie war zurückgelassen? Nun, ich weiß es nicht, das letzte, an das ich mich erinnere ist, daß ich mir getrieben von der Verzweiflung eine Flasche hochprozentigen Schnapses an den Hals setzte, um genau das zu erreichen: Daß ich alles vergesse. Ich erwachte im Morgengrauen in irgendeinem Straßengraben, und es war mit Sicherheit nicht nur die Erkältung, die ich mir zugezogen hatte, die bewirkte, daß ich Nadja längere Zeit nicht begegnete. Der geneigte Leser wird also darauf verzichten müssen, sich nun wohlinformiert zurückzulehnen und zu denken, daß nun alles geklärt ist. Die Dinge, die so sehr das Leben eines Menschen ausmachen, sind fast nie ganz klar und offen, noch sind sie einmal zu Ende. Im Gegenteil läuft doch gar manches versteckt und heimlich und betrügt sich noch teils selbst, allem anderen voran die Liebe. Heute möchte ich auch gerne wissen, was in jener Nacht geschah, doch sowie ich Nadja darauf anspreche, lächelt sie nur, und läßt es ihr Geheimnis bleiben. Doch eines lernte ich, wenn auch nicht in jener Nacht, so doch später noch von ihr: Daß nämlich die Angelegenheit zweier Herzen auch die ihrer Körper sein kann, wenn man eine Frau hat, die so lächeln kann wie sie.





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