Stephan Schmitz
Und ich sage dir, Junge, nicht, dass das jetzt über Europa hereinbricht wie die Grippe anno '18. Die kam auch von Osten, von Russland. Damals hat es Millionen Tote gegeben. Aber das hier, das ist keine Grippe, das ist schlimmer.
Zivi J.N. Niessen, Jörg, seufzt unhörbar auf, während der alte Mann weiter erregt auf ihn einredet, sich kaum die Zeit zum Atmen zu lassend. Neunzig Jahre ist er alt und lebt in panischer Angst vor ansteckenden Krankheiten. Seit Jörg ihn pflegt, hat er sich schon des öfteren solche Vorträge anhören müssen.
So ist das. Die ganz schlimmen Epidemien kamen immer von Osten. Fieber, haben sie im Radio gesagt. Fieber und innere Blutungen, und in zwei Tagen ist man tot, falls überhaupt zwei Tage.
Und er übertreibt wie immer maßlos. Jörg hat die Meldungen auch gehört. Eine neue Krankheit, ein Virus vermutlich, aber harmloser, als der Alte es schildert. Die Behörden winken ab, kein Grund zur Besorgnis. Ausserdem ist das alles weit weg, irgendwo in Russland. Weit im Osten. Und Jörg hat heute noch etwas anderes vor, als dem Alten zuzuhören.
Das Ende der europäischen Kultur wird ...
Schon gut, Herr Mertens! Aber ich muss jetzt wirklich gehen. Sie können mir dann morgen mehr darüber erzählen.
Ein wenig verständnislos blickt ihm der Alte nach, als er die Wohnung verlässt. Und als die Tür ins Schloss fällt, murmelt er leise: Unser aller Ende. Es wird uns wegspülen wie eine große Flut.
J.N. Niessen, Jörg, jetzt nicht mehr Zivi, sondern privat, jung und vor allen Dingen verliebt, fährt mit dem Rad in eine nahegelegene Disco und hat den Alten schon vergessen. Es verspricht ein schöner Abend zu werden. Die Sonne geht gerade unter, es ist lau und windstill. Der Himmel ist klar, in Kürze werden die ersten Sterne zu sehen sein. Venus leuchtet bereits hell über der untergehenden Sonne. Von dem Wetter würde Jörg wohl sagen, es ist, als stehe die Zeit still, träte er nicht gerade kräftig in die Pedale. Er ärgert sich, dass er dem Alten so lange zugehört hat. Jetzt ist er spät dran, und das wurmt ihn, denn SIE wird wahrscheinlich dort sein.
Dennoch wird es ein wundervoller Abend. Aber das bedarf keiner Beschreibung, wenn man weiss, wie die jungen und vor allem verliebten Jungs feiern. Er trifft einige Freunde, die nicht in urlaub gefahren sind - von den anderen hört man recht wenig - . Er tri
fft SIE. Er trinkt, ist fröhlich, lacht und tanzt und vergisst die Zeit.
Es ist späte Nacht, als er wieder sein Fahrrad besteigt um heim zu fahren. Das Wetter hat sich verändert, es ist nach wie vor klar, aber deutlich kälter, als der laue Abend das hat erwarten lassen. Ihn fröstelt. Als er ein Stück weit über offenes Gelände fährt, merkt er, dass Wind aufgekommen ist. Kalter Nachtwind, der in Böen von Osten weht. In kräftigen Böen, die Bäume rascheln und Getreidefelder rauschen lassen, die Blätter und Abfall über die Straße treiben. Singender Wind, denkt Jörg, welches Lied er wohl singt? Und: Natürlich, wenn im Sommer Kälte kommt, dann kommt sie immer von Osten.
Da fällt ihm der Alte wieder ein. Auch die schlimmen Epidemien kamen immer von Osten. Innere Blutungen und Tod in zwei Tagen. Jetzt fröstelt ihn nicht nur vor Kälte. Er erreicht das Haus seiner Eltern, doch er geht nicht hinein. Er steht da und blickt nach
Osten, auf den Wald, von wo der Wind kommt.
Russland ist weit, aber der Wind hat einen langen Atem.
Immer von Osten.
Er rührt sich nicht.
Er steht nur da und lauscht auf den Gesang des Windes.